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Vor etwa 1000 Jahren tauchte ein neuer Name in der europäischen Medizin auf: Terra Armena, auch „Bolus Armena“ genannt. Fast ein Allheilmittel, das sowohl innerlich bei Magen-Darm-Problemen als auch äußerlich bei Hautverletzungen, aber auch kosmetisch eingesetzt wurde. Es handelt sich dabei um äußerst feine Tonerde, die bald so berühmt wurde, dass Terra Armena zu einem Synonym für Heilerde höchster Qualität wurde.

Bald wurden weitere Mineralien und Pflanzen armenischer Herkunft in den Arzneibüchern beschrieben. Wie kommt es, dass Heilerde und Pflanzen aus diesem kleinen Land am südlichen Kaukasus eine so große Wertschätzung erfahren? Diese Frage wollte die Forschergruppe Klostermedizin klären. Deshalb unternahm Dr. Johannes Gottfried Mayer eine Studienreise in das alte Kulturland.

Das Unternehmen erschien schon deshalb vielversprechend, weil seit längerem bereits Kontakt zu der in Fachkreisen sehr geschätzten Medizinhistorikerin Frau Prof. Stella Vardanjan bestand, die Mitte der 90iger als Gastwissenschaftlerin am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg gearbeitet hatte.

Armenien war das erste Land, welches das Christentum zur Staatsreligion erhoben hatte (etwa 314), und die Armenier behielten ihre Sprache, Schrift und Religion bei, obwohl sie von vielen Völkern bedroht oder sogar überrannt wurden, z.B. von Persern, Arabern, verschiedenen Turkstämmen, den Mongolen und zuletzt von den Türken.

Das Hauptsiedlungsgebiet der Armenier war um ein Vielfaches größer als der heutige Staat Armenien, der etwa so groß wie Belgien ist. Damals war das Gebiet um den Vansee (heute Anatolien) ein Siedlungsschwerpunkt im Südwesten, die Hauptstadt war Ani (nördlich des Ararat, heute ebenfalls türkisch). Das Gebirge von Nagorni-Berg-Karabach (heute eine international nicht anerkannte Republik) bildete den östlichen Abschluss Armeniens. Man kann sagen, die armenischen Siedlungsgebiete gruppierten sich um den mächtigen Berg Ararat (über 5000 Meter hoch) herum. Heute liegen der große und der kleine Ararat direkt an der türkisch-armenischen Grenze, auf türkischer Seite. Die Ostflanke ist militärisches Sperrgebiet. Zwischen den beiden Ländern gibt es keinen einzigen Grenzdurchgang.

Im Mittelalter war Armenien ein Begriff, ein wichtiges Land.

Das moderne Armenien ist ein beeindruckendes Bergland, dessen tiefsten Punkt das Flusstal des Aras im Westen (etwa 800 m über N.N.) bildet und dessen höchster Punkt mit dem Aragat über 4000 m über N.N. liegt. Das kleine Land besitzt über 100 Dreitausender. Der große Seevansee ist der zweitgrößte Hochgebirgssee der Erde (nach dem Titicacasee in Peru) mit einer Hochlage von etwa 2000 m über N.N.

Fast die Hälfte der Bevölkerung Armeniens lebt in der Hauptstadt Erewan (1,2 Millionen). Daneben gibt es nur kleinere Städte. Armenien ist ein Land der Klöster. Die selbstständige armenische Kirche wird durch ihre Klosterkultur geprägt; das ganze Land ist mit kleinen Klöstern überzogen. Während in der Stadt und auf dem Land kaum ein Haus auf mehr als 100 Jahre zurückblicken kann, weil alte Häuser hier keinen Wert darstellen, wird jedes Kloster nach Erdbeben oder anderen Zerstörungen wieder genau aufgebaut oder aufwändig restauriert.

Wie kam es aber zur Terra Armena?

Es heißt, dass bei der Erschaffung der Welt, als Gott die fruchtbare Erde auf die Regionen verteilte, zuletzt die Armenier kamen und riefen: „Du hast uns vergessen!“ Da nahm Gott bedauernd den Sack mit der Erde und schüttelte ihn über Armenien aus. Heraus kamen aber nur noch Steine. Sie wurden zur kargen Heimat der Armenier.

Tatsächlich ist Armenien sehr steinig, und diese Steine werden gewaltigen Kräften ausgesetzt. Es herrscht ein ausgeprägtes Kontinentalklima. Die Sommer sind sehr heiß, die Winter extrem kalt. Diese Kräfte haben den Stein zermahlen und eine hervorragende, feine Tonerde geschaffen.

Aus alten Texten, die der Klostermediziner schon vor seiner Reise studiert hatte, wusste Johannes Mayer, dass die Qualität dieser Erde auch den Byzantinern, Persern und Arabern, die ins Land gekommen waren, nicht verborgen geblieben war. So fand Terra Armena Eingang in die medizinische Literatur der arabischen Welt, die dann auch in die lateinische Sprache übersetzt wurde und so allmählich bis nach Europa kam.

Einen zweiten Weg der Terra Armena nach Europa schilderte Frau Professor Stella Vardanjan ihrem deutschen Gast: „In der Mitte des 11. Jahrhunderts fiel Ani, die alte Hauptstadt der Armenier, bei einem Angriff der Seldschuken. Hunderttausende verließen die Region. Manche machten sich auf den langen Weg nach Westeuropa und brachten auch das Wissen von der armenischen Heilerde mit“.

Am Matenadaran, der großen Handschriftenbibliothek in der armenischen Hauptstadt Erewan, arbeitet der Arzt Armen Sahakjan. Er studiert dort nicht nur die medizinischen Werke aus dem Mittelalter, sondern stellt auch Teemischungen, Salben und andere Heilmittel nach den alten Rezepten her. In seinem kleinen Labor stehen auch Gläser mit Ton-Heilerde.

Ursprünglich kam die armenische Heilerde aus der Region um die alte Hauptstadt Ami, die heute jenseits der türkischen Grenze liegt.

Armen Sahakjan und Johannes Mayer unternahmen eine Exkursion zur Fundstelle von Sahakjans Tonerde, in die Umgebung des Klosters Noravank. Es gehört zu den Höhepunkten mittelalterlicher armenischer Baukunst und liegt ganz abgeschieden am Ende eines engen Tales, aus dem die rötlich leuchtenden Felsen senkrecht hinaufsteigen.

Hoch oben über dem Kloster zeigt Armen im Felsen eine Schicht aus bester armenischer Tonerde.

Armen ist davon überzeugt, dass das alte Heilwissen über Ton-Heilerde auch heute noch wertvoll sei und unbedingt erhalten bleiben müsse. Mit dem deutschen Klostermediziner hat er nun einen Verbündeten gefunden, der sein Anliegen teilt. Johannes Mayer, der mit vielen neuen Eindrücken und Ideen zurück nach Deutschland kam, ist sich sicher: „Da will ich wieder hin.“

Lesen Sie mehr über die Tonheilerde in dem Buch „Terra Armena“. Ein Video zur Reise finden Sie auf unserer Facebook-Seite.

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