XING

Facebook

Twitter

Instagram

Google+

Zwei brandaktuelle Arbeiten zeigen auf, wie ein wirksames Krebsmedikament (Zytostatikum) aus der Natur wirken kann und welchen Schaden hingegen Scheinmittel anrichten können, die in pseudo-medizinischen Kreisen propagiert werden. So wurde jetzt zumindest teilweise aufgeschlüsselt, wie Taxane aus der Rinde der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) auf Tumorzellen wirken. In Frankreich hingegen hat sich ein 67-Jähriger über Jahre hinweg mit Aprikosenkernen vergiftet, mit denen er sich vor einer Tumorerkrankung schützen wollte.

Auch heute noch entstammen die meisten Medikamente der Natur, vor allem die sogenannten Chemotherapeutika. Entgegen landläufiger Meinung handelt es sich dabei um einen Sammelbegriff für Antiinfektiva (darunter Antibiotika, Virustatika, Antimykotika und Anthelminthika) zur Bekämpfung von Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilzen, Protozoen und Würmern einerseits und den Zytostatika andererseits. Letztere sollen das Zellwachstum bzw. die Zellteilung von Tumorzellen hemmen.

Entstanden ist der Begriff Chemotherapie bereits im 18. Jahrhundert, er wurde jedoch erst von Paul Ehrlich (1854–1915) in seiner heutigen Bedeutung definiert: Gemeint sind damit seit 1906 insbesondere Arzneimittel, die spezifisch (also nicht nur symptomatisch) auf die Erreger von Infektionskrankheiten wirken. Folglich war das erste Chemotherapeutikum 1909/10 ein Mittel zur Behandlung der Syphilis. Zytostatika im heutigen Sinne gibt es hingegen erst seit 1942.

Der entscheidende Unterschied der Chemotherapie zu anderen Strömungen des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts war, dass hier am Tiermodell gezielt (mittels Screenings) nach Mitteln zur Behandlung bestimmter Erkrankungen gesucht wurde. Die experimentelle Pharmakologie (in der Nachfolge von François Magendie, 1783–1855) hingegen war eine weitgehend theoretische Richtung, die verschiedene Stoffe an gesunden Tieren testete und der Medizin über längere Zeit keine neuen Arzneimittel liefern konnte. Das wiederum bemängelten vor allem die Pathologen, angeführt von Rudolf Virchow (1821–1902), der mit der Zellularpathologie (die Theorie, dass Krankheiten auf Störungen der Körperzellen basieren) die moderne Pathologie begründete.

Heute werden in der Onkologie zahlreiche pflanzliche Stoffe als Zytostatika verwendet:
- Taxane aus der Pazifischen Eibe (bei Mamma-, Ovarial- sowie Lungenkarzinomen und bei malignen Melanomen)
- Vinca-Alkaloide aus der Rosafarbenen Catharanthe (Catharanthus roseus, synonym Vinca rosea; auch Madagaskar-Immergrün; bei akuter lymphatischer Leukämie (ALL), Morbus Hodgkin, Lymphosarkomen sowie Mamma-, Ovarial- und Chorionkarzinomen)
- Stoffe aus dem Schildförmigen Fußblatt (Podophyllum peltatum; auch Maiapfel, Entenfuß, Amerikanischer Maiapfel; bei malignem Lymphom, Bronchialkrazinom, Hodentumor, Chorionkarzinom)
- das Alkaloid Camptothecin aus Camptotheca acuminata, der daher trivial auch Krebsbaum oder Lebensbaum sowie Baum der Freude genannt wird (bei kolorektalem Karzinom, Ovarial- und Lungenkarzinom)
Viele weitere pflanzliche Stoffe werden ebenfalls hinsichtlich ihrer Wirkung auf Tumorzellen erforscht, etwa der Einjährige Beifuß (Artemisia annua) bei Leukämie.

Die Taxane (bzw. speziell das Paclitaxel) der Pazifischen Eibe hemmen nicht nur die Zellteilung der Tumorzellen, sie machen diese auch anfälliger für die Radiotherapie. Nach aktuellen Forschungsergebnissen klappt das besonders gut, da die Taxane anstelle einer Zellhalbierung bei den Tumorzellen eine Zelldrittelung bewirken. Genau das macht die neuen Tumorzellen dann wesentlich verwundbarer gegenüber der Bestrahlung. Die neuen Ergebnisse konnten bereits klinisch anhand der Daten von mehr als 100 Patienten mit Lungenkrebs bestätigt werden.

Und die Aprikosenkerne? Aus diesen wurde vor etwa 100 Jahren erstmals der Stoff Amygdalin isoliert. Seitdem wurde immer wieder eine anti-tumorale Wirkung postuliert, die aber klinisch nie bestätigt werden konnte. Größere Anstrengungen hierzu gab es in den USA, wo 1982 eine klinische Studie mit 178 Patienten veröffentlicht wurde. Anstelle von positiven Effekten konnten allenfalls negative bei den Studienteilnehmern festgestellt werden - so wie jetzt auch beim Patienten aus Frankreich. Aus Amygdalin wird nämlich im menschlichen Körper Blausäure abgespalten, es folgt eine Cyanid-Vergiftung, die sowohl in Blut als auch Urin nachgewiesen werden kann.

Literaturhinweise:
1. Orth et al.: Taxane-mediated radiosensitization derives from chromosomal missegregation on tripolar mitotic spindles orchestrated by AURKA and TPX2. Oncogene. 2017 Sep 4. doi: 10.1038/onc.2017.304.
2. Konstantatos et al.: An unusual presentation of chronic cyanide toxicity from self-prescribed apricot kernel extract. BMJ Case Reports 2017; doi:10.1136/bcr-2017-220814
3. Amygdalin – ein neues altes Krebsmittel? Link: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=pharm4_24_2003
4. Amygdalin: Wirkung gegen Krebs nicht belegt. Link: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=54542
5. Medinger et al.: Pflanzliche Zytostatika: Grundlagenforschung und Klinik. Bundesgesundheitsblatt 12/2003.
6. Günther Stille: Kräuter, Geister, Rezepturen. Eine Kulturgeschichte der Arznei. Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2015.
7. Wolfgang U. Eckart: Illustrierte Geschichte der Medizin. Von der französischen Revolution bis zur Gegenwart. Springer 2011.

Zum Seitenanfang