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Die Naturheilkunde hat es heute schwer. Sie wird allgemein irgendwo zwischen evidenzbasierter Medizin auf der einen Seite und der sogenannten "Alternativmedizin"auf der anderen Seite verortet. Während manche Mediziner sie als pure Esoterik oder als bloßes Placebo abtun, wird sie von selbsternannten "Alternativmedizinern" gerne für ihre eigene Propaganda vereinnahmt. Beides ist grundfalsch.

Nur wenige Menschen wissen heute, was Naturheilkunde eigentlich ist und noch viel weniger kennen ihre Geschichte. Kaum jemand weiß, dass die Naturheilkunde in ihrer definierten Form etwa 50 Jahre jünger ist als die Homöopathie Hahnemanns oder nur einige Jahrzehnte älter als die Anthroposophie Steiners. Im Gegensatz zu diesen beiden dogmatischen Richtungen ist die Naturheilkunde heute jedoch ebenso evidenzbasiert wie die übrige, oft als "Schulmedizin" verachtete Medizin.

Naturheilkunde ist aber etwas mehr als nur ein Teil der "bösen Schulmedizin". In ihren fünf klassischen Säulen vereint sie Therapiemethoden, die sich nicht nur zur kausalen oder adjuvanten Behandlung verschiedenster Beschwerden eignen, sondern hat auch schon seit ihren Anfängen um 1840 die Prävention als integralen Bestandteil. Naturheilkunde bedeutet stets auch eine Lebensführung, die Krankheiten wann immer möglich vermeidet. Hierfür stehen die Säulen Ernährung, Bewegung, Ordnung sowie Wasseranwendungen zur Verfügung.

Auch die Pflanzenheilkunde kann präventiv eingesetzt werden, bspw. als Teil der Ernährung, obwohl sie heute mehr als kausale oder adjuvante Therapiemethode verstanden wird. Nahezu alle Gewürz- oder Teepflanzen sind auch potente Arzneimittel, die nicht nur Beschwerden lindern, sondern diese auch verhindern können. Allerdings wäre es falsch, unseren Körper nur als chemische Fabrik zu verstehen, der je nach Bedarf mit geeigneten Chemikalien zu versorgen ist. Hier tritt das zu Tage, was im Marketingsprech der Schlangenölverkäufer gerne als "ganzheitlich" propagiert wird. Zur reibungslos funktionierenden Chemiefabrik des menschlichen Körpers gehören auch ein ausreichendes Maß an Bewegung und ein möglichst geordneter Tagesablauf mit einem Mindestmaß an Schlafhygiene und Stressbewältigung. Ein müder, gestresster Körper kann noch so sehr mit Chemikalien überschüttet werden, er wird irgendwann nicht mehr funktionieren. Es ist kein Wunder, dass die Wurzeln der Naturheilkunde im Zeitalter der Industrialisierung zu finden sind, als in der Gesellschaft auch erstmals das Phänomen des Alkoholismus deutlich wurde.

Die Naturheilkunde als Ganzes hat heute keinen besonders großen Stellenwert in der Bevölkerung. Sie gilt als zu schwierig, zu kompliziert für unsere immer schnellere Welt. Die vielen Nahrungsergänzungsmittel aus den Webshops im Internet sind da viel verlockender. Mit wenigen bunten Pillen möchte man in zwei Wochen Tumorerkrankungen heilen - so eine nicht seltene Wunschvorstellung. In Brüggen hat diese verblendete Sicht erst kürzlich drei Menschen das Leben gekostet. In der Schweiz meinte eine Patientin ebenso erst kürzlich, sie könne ihre HIV-Infektion mit ätherischen Ölen von Salbei und Lavendel heilen. Und wieder ein anderer selbsternannter "Heiler" wurde vor wenigen Wochen verurteilt, weil er eine Tumorerkrankung mit Pendeln und Zauberzuckerkügelchen behandelte. Die Patientin starb.

Diese Fälle sind ein Ausdruck von Realitätsflucht, der zwar nachvollziehbar erscheint, aber nicht tolerabel ist. Sie zeigen eine tiefe Abneigung gegen die moderne Medizin, die eigentlich die indiskutable Gesundheitspolitik treffen sollte und nicht die medizinischen Methoden selbst. Wir brauchen mehr Naturheilkunde, mehr Wissen über unseren eigenen Körper, mehr Handwerkszeug, um unseren Körper vor Krankheiten zu schützen und leichte Beschwerden auch wirksam und sicher lindern zu können. Wir benötigen Sachverstand, um zu erkennen, wann die Selbstmedikation an ihre Grenzen gelangt und ein Spezialist gefragt ist. Wir brauchen eine Gesundheitspolitik und ein Schulwesen, die Prävention weit mehr in den Vordergrund stellen und der breiten Masse des Volkes eine Gesundheitskompetenz vermitteln.

Es dürfen im 21. Jahrhundert keine Menschen mehr glauben, dass Aprikosenkerne Karzinome beseitigen oder Toliettenreiniger Autismus heilt. Patienten dürfen nicht mehr glauben, dass eine Hildegard von Bingen bei welchen Krankheiten auch immer industriell hergestellte Gifte empfohlen hat. Es muss eine allgemeine Gesundheitsbildung her, die bei solchen perfiden Werbeaussagen sofort die Alarmglocken schrillen lässt, anstatt den Geldbeutel zu öffnen.

Wir müssen lernen, wann und wie welche Hausmittel wirklich sinnvoll sind, welche geprüften Drogen aus der Apotheke zu beziehen sind und wie man sie zubereitet. Ebenso muss man wissen, wann ein standardisiertes Fertigarzneimittel die beste Wahl ist und wann wir einen gut ausgebildeten Experten um Rat fragen müssen. Ebenso müssen wir lernen, unserem Körper ausreichend Schlaf zu gönnen, ihn regelmäßig zu bewegen und ausgewogen zu ernähren. Wir dürfen nicht abseitige Ernährungslehren als Ersatzreligion praktizieren und einen Ablasshandel mit Nahrungsergänzungsmitteln treiben.

Wir sollten uns wieder mehr um unseren Körper kümmern und lernen, wie er funktioniert. Das war auch schon das Kernanliegen der Naturheilkunde im 19. Jahrhundert.

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