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Wer heute an Ingwer denkt, denkt an Seekrankheit. Schon die alten Griechen, so die landläufige Annahme, hätten das gewusst. Doch die Geschichte erzählt etwas anderes – und das macht sie interessanter. 

Als Dioskurides im ersten Jahrhundert über Ingwer schrieb, nannte er ihn erwärmend, verdauungsfördernd und magenstärkend. Von Reisekrankheit kein Wort. Galen pries ihn im zweiten Jahrhundert als Mittel, das langsamer wirke als Pfeffer, dafür aber anhaltender. Im Lorscher Arzneibuch um 800 findet sich Ingwer in rund zehn Prozent aller Rezepturen – bei Magen- und Darmleiden, bei Schwächezuständen, bei Fieber. Hildegard von Bingen warnte Gesunde sogar vor dem Verzehr, weil er sie „gedankenlos“ und „unbeherrscht“ mache.

Die ältesten Quellen für Ingwer gegen Seekrankheit sind Reiseberichte und Briefe von Laien aus dem späten 17. bis frühen 19. Jahrhundert. Als Einzelmittel wird Igwer zuerst 1796 in einem privaten Brief genannt. Die Bordmedizin des 17. Jahrhunderts kannte Ingwer zwar – aber gegen Koliken und Skorbut, nicht gegen das Schwanken des Schiffes.

 

Scharf, aber nicht zu scharf

Das, was wir als „Ingwerknolle“ kaufen, ist botanisch keine Knolle, sondern ein Rhizom – eine unterirdisch kriechende Sprossachse, die der Pflanze als Nährstoffspeicher dient. Der medizinisch interessante Inhalt verbirgt sich in zwei Stoffgruppen: einem ätherischen Öl, das je nach Herkunft unterschiedlich zusammengesetzt ist, und den nicht flüchtigen Scharfstoffen, den sogenannten Gingerolen. Das Hauptmolekül trägt den Namen [6]-Gingerol. Es schmeckt scharf, aber milder als die Capsaicinoide im Chili.

Bei Trocknung und Lagerung wandeln sich die Gingerole teilweise in Shogaole um – Verbindungen, die noch schärfer schmecken. Ein hoher Shogaol-Gehalt in einem Präparat verrät daher, dass der Ingwer nicht mehr ganz frisch war oder unsachgemäß gelagert wurde. Die Qualitätsvariabilität ist erheblich: In einer Untersuchung von Nahrungsergänzungsmitteln schwankten die [6]-Gingerol-Gehalte um mehr als den Faktor hundert – von null bis fast zehn Milligramm pro Gramm. Wer Ingwer als Arzneimittel nutzen will, sollte deshalb auf standardisierte Präparate achten.

 

Warum hilft es gegen Übelkeit?

Die antiemetische Wirkung des Ingwers beruht nicht auf einer Dämpfung des Gleichgewichtsorgans, wie es klassische Reisekrankheitsmittel tun. Ingwer greift tiefer an – im Magen-Darm-Trakt. Die Gingerole blockieren 5-HT-Rezeptoren, jene Serotoninrezeptoren, die an der Signalübertragung zwischen Darm und Gehirn beteiligt sind. Zugleich beschleunigt Ingwer die Magenentleerung: In einer Studie verkürzte sich die Halbwertszeit der Entleerung von etwa 27 Minuten unter Placebo auf 13 Minuten unter Ingwer.

Das erklärt auch die Grenzen: Bei vestibulär ausgelöster Übelkeit – wenn das Gleichgewichtsorgan der Hauptübeltäter ist – wirkt Ingwer weniger zuverlässig als bei Übelkeit mit starker Magenbeteiligung. Dafür fehlt die sedierende Wirkung, die bei Antihistaminika und Anticholinergika oft den Tag ruiniert.

 

Was sagt die Zulassungsbehörde?

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur (HMPC) hat im Mai 2025 eine aktualisierte Monographie zu Ingwer veröffentlicht. Sie unterscheidet zwischen „well-established use“ – Anwendungen, die durch klinische Studien gut belegt sind – und „traditional use“, also Anwendungen, die sich auf langjährige Erfahrung stützen.

Als gut belegt gilt die Prävention von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit. Als traditionelle Anwendungsgebiete werden zusätzlich genannt: die Linderung von Reisekrankheitssymptomen, leichte krampfartige Magen-Darm-Beschwerden mit Blähungen, vorübergehender Appetitverlust sowie – neu in der Revision 2025 – die Linderung leichter Gelenkschmerzen und von Erkältungssymptomen.

 

Tee reicht nicht

Wer Ingwer gegen Reiseübelkeit einsetzen will, sollte wissen: Eine Tasse Ingwertee oder ein paar kandierte Ingwerstücke reichen nicht. Die HMPC-Monographie nennt für Erwachsene ein bis zwei Gramm gepulverte Droge, eingenommen etwa eine Stunde vor Reiseantritt. Das entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel – eine Menge, die in Kapselform deutlich leichter zu dosieren ist als im Heißgetränk. Bei längeren Reisen kann alle vier Stunden nachgelegt werden, bis zu einer Tageshöchstmenge von zweieinhalb Gramm.

Für Kinder unter sechs Jahren wird Ingwer mangels Daten nicht empfohlen. Für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren nennt die Monographie reduzierte Dosen im traditionellen Anwendungsbereich. Und für Schwangere? Die Datenlage zeigt keine eindeutigen Hinweise auf Fehlbildungen, doch die offizielle Empfehlung lautet vorsichtshalber: Rücksprache mit dem Arzt.

 

Kein Wundermittel

Die klinische Evidenz für Ingwer ist solide, aber nicht überwältigend. Von 109 analysierten randomisierten kontrollierten Studien erfüllten nur 43 das Kriterium hoher Evidenzqualität. Die beste Datenlage besteht für gastrointestinale Effekte und Schwangerschaftsübelkeit. Bei Chemotherapie-induzierter Übelkeit zeigt sich ein gemischtes Bild: Als Zusatz zur Standardtherapie bringt Ingwer keinen konsistenten Zusatznutzen.

Was Ingwer von vielen synthetischen Antiemetika unterscheidet: Er macht nicht müde. Die häufigsten Nebenwirkungen sind leichte Magen-Darm-Beschwerden – Sodbrennen, Aufstoßen, Völlegefühl. Wer blutverdünnende Medikamente einnimmt, sollte vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen, auch wenn klinisch relevante Wechselwirkungen bisher nicht nachgewiesen sind.

 

Warum Arzneipflanze des Jahres?

Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde und die Gesellschaft für Phytotherapie haben Ingwer zur Arzneipflanze des Jahres 2026 gekürt – nicht, weil er eine Neuentdeckung wäre, sondern weil er ein Paradebeispiel dafür ist, wie eine seit Jahrtausenden genutzte Droge durch moderne Forschung ihren Platz in der rationalen Phytotherapie findet. Die Geschichte des Ingwers zeigt zugleich, wie trügerisch vermeintlich „uraltes Wissen“ sein kann: Die heute populärste Anwendung ist keine zweihundert Jahre alt.

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