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Ausgangspunkt: Dunkler Mond über Europa

In den letzten Jahren ist ein vulkanisches Ereigniscluster der Jahre 1108–1110 verstärkt in den Blick geraten. Eisbohrkerne aus Grönland und der Antarktis zeigen für diese Jahre eine ausgeprägte Sulfatspitze, Baumringreihen deuten auf einen außergewöhnlich kühlen Sommer 1109 hin, und schriftliche Quellen berichten von schlechten Ernten und auffälligen Himmelsphänomenen. Besonders prominent ist ein Eintrag in der sogenannten Peterborough Chronicle (Anglo-Saxon Chronicle, „E“-Version), der für den 5. Mai 1110 eine totale Mondfinsternis beschreibt, bei der der Mond nach Beginn der Verfinsterung vollständig verschwand: Er sei „so completely extinguished“ gewesen, dass am Himmel zwar zahlreiche helle Sterne zu sehen waren, vom Mond selbst aber „neither light, nor orb, nor anything at all“ erkennbar blieb.

In der Kombination mit den geophysikalischen Daten wird diese Beobachtung heute als Beispiel einer „vulkanischen“ Mondfinsternis gelesen: Durch eine hohe Aerosollast in der Stratosphäre – verursacht durch einen oder mehrere große Ausbrüche – wird der ohnehin im Erdschatten liegende Mond so stark abgedunkelt, dass er auch während der Totalität kaum oder gar nicht mehr sichtbar ist. Das Ereignis vom 5. Mai 1110 ist damit ein selten klar bezeugter Schnittpunkt von Himmelsmechanik, Vulkanismus und schriftlicher Überlieferung.

Für den vorliegenden Zusammenhang ist wichtig: Die Finsternis war, astronomisch rekonstruiert, in weiten Teilen Europas sichtbar. Wenn die Witterung es zuließ, konnte man sie prinzipiell auch im Rhein-Mosel-Raum beobachten, also in jener Region, in der die junge Hildegard von Bingen lebte.

Die Mondfinsternis in Hildegards Causae et curae

In Causae et curae findet sich im Rahmen der kosmologischen Abschnitte eine kurze, aber markante Passage zur Mondfinsternis (in der modernen Zählung häufig als Kapitel 25 geführt). Hildegard beschreibt dort, dass der Mond zuweilen durch die „Stürme“ und Bewegungen der Elemente verdunkelt werde. Die Winde und Elemente „streiten“ gleichsam miteinander; in dieser Konstellation werde der Mond für eine Zeit lang „verdeckt“ oder „verdunkelt“, ohne dass er wirklich abnehme oder ausgelöscht werde. Danach setze er seinen Glanz wieder frei, weil seine Kraft stärker sei als die Kraft dieser Stürme.

Auffällig ist die Erklärung: Hildegard bietet keine geometrische Deutung im Sinne einer Bedeckung durch den Erdschatten, wie sie seit der Antike in gelehrten Traditionen vorlag. Stattdessen integriert sie die Finsternis in ihr eigenes, stark elemente- und windorientiertes Weltmodell. Die Finsternis ist für sie ein anschauliches Beispiel dafür, dass die Elemente in Bewegung sind, miteinander kollidieren und dabei zeitweilig auch den Lauf der Gestirne stören können – ohne diese dauerhaft zu beschädigen.

Gleichzeitig spricht Hildegard nicht von einer völligen „Auslöschung“ des Mondes, sondern von einer vorübergehenden Verdunkelung. Ihr Interesse gilt weniger der exakten Beschreibung eines konkreten Himmelsereignisses als der Veranschaulichung einer kosmologischen Dynamik, die sie mit anthropologischen und therapeutischen Motiven verknüpft.

Kosmologische Horizonte: LDO und Notker-Globus

Hildegards Mondfinsternis-Passage steht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem gelehrten Umfeld, in dem die Kugelgestalt der Erde vorausgesetzt werden konnte. In den Visionen der Liber divinorum operum beschreibt sie die Erde ausdrücklich als orbis, der „nicht eckig, sondern rund“ ist, in Zonen gegliedert und von den übrigen Elementen umgeben. Diese Passagen gehören zum Textbestand aller Hauptzeugen des Werkes; die berühmte, reich ausgearbeitete Darstellung der Erdkugel mit unterschiedlichen Klimabereichen und Jahreszeiten findet sich jedoch nur im reich illustrierten Lucca-Codex, dessen Erdvision in einer neueren Studie detailliert analysiert worden ist.

Parallel dazu verweist der sogenannte Notker-Globus auf eine ähnlich gedachte Welt. In Notker des Deutschen althochdeutscher Boethius-Übersetzung (St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 825, erste Hälfte des 11. Jahrhunderts, wohl um 1025) wird ein Globus erwähnt, der „jüngst unter Abt Purchart“ im Kloster St. Gallen angefertigt worden sei. Die moderne Rekonstruktion dieses Globus im Stiftsbezirk St. Gallen und die jüngst publizierte Beschreibung im Ausstellungskatalog zu den St. Galler Himmelschriften machen sichtbar, dass hier eine dreidimensionale Erdkugel mit Zonen- und Ortsangaben gedacht ist, nicht eine scheibenförmige Erde. Daneben veranschaulichen Himmelsdarstellungen wie der Aratea-Codex der St. Galler Stiftsbibliothek (Cod. Sang. 902, Mitte des 9. Jahrhunderts) mit seinen Himmelsgloben, dass auch die Himmelskugel als Kugel gedacht und bildlich umgesetzt wurde.

Zusammen genommen zeigen diese Beispiele, dass Hildegards naturkundlich-theologisches Arbeiten von einem kosmologischen Grundwissen ausgeht, in dem eine kugelförmige Erde selbstverständlicher Hintergrund ist. Ihre Erklärung der Mondfinsternis als Folge von „Stürmen“ und Elementebewegungen ergänzt dieses Bild, ersetzt aber nicht die klassische Vorstellung vom orbis terrarum.

Biographischer Rahmen: Hildegard und das Jahr 1110

Hildegard wurde nach dem aktuellen Konsens in den wärmeren Monaten des Jahres 1098 geboren. In der Nacht des 5. Mai 1110 war sie etwa zwölf Jahre alt, vermutlich bereits – wie später berichtet – in der Obhut Juttas von Sponheim und damit in einer Umgebung, in der religiöse Deutung und Wahrnehmung von Naturphänomenen eng miteinander verschränkt waren. Die Finsternis selbst war, nach heutigem Wissen, in Mitteleuropa sichtbar. Wenn am Rhein-Mosel-Raum in dieser Nacht ein klarer Himmel herrschte, hätte Hildegard (allein oder in Gemeinschaft) die Verdunkelung des Mondes durchaus beobachten können.

Die Quellenlage erlaubt hier allerdings nur eine Rahmenspekulation: Wir besitzen keine lokale Annalen-Notiz aus dem Nahe- oder Mittelrheingebiet, die das Ereignis explizit festhält, und Hildegard selbst datiert in Causae et curae die von ihr beschriebene Finsternis nicht. Ihre Passage ist formal eine allgemeine Naturerklärung, kein Bericht im Stil der Chroniken.

Dennoch bleibt der Befund bemerkenswert: Eine außergewöhnlich dunkle Mondfinsternis, die in England eindrücklich genug war, um mit konzentrierter Formulierung in eine Chronik einzugehen, wäre auch an anderen Orten Europas potentiell erinnerungswürdig gewesen. Für eine Zwölfjährige, die später als Visionärin, Naturbeobachterin und Autorin hervortreten sollte, wäre ein solcher Himmelsanblick denkbar prägend.

Die Arbeitshypothese: Erinnerungsspur statt Datierungsanker

Vor diesem Hintergrund lässt sich eine vorsichtig formulierte Arbeitshypothese formulieren:

  1. Das Eruptionscluster 1108–1110 führte zu veränderten Himmels- und Witterungsbedingungen, die in zeitgenössischen Quellen als auffällig erlebt und beschrieben wurden.
  2. Die totale Mondfinsternis vom 5. Mai 1110 gehört zu diesen Phänomenen; der Bericht der Peterborough Chronicle ist nur ein besonders deutliches Beispiel dafür.
  3. Hildegards Eclipse-Passage in Causae et curae könnte von solchen Beobachtungen – möglicherweise auch von der Finsternis 1110 selbst – mit inspiriert sein, insofern sie eine ungewöhnlich dramatische, aber nicht apokalyptische Verdunkelung des Mondes in ihr naturkundlich-theologisches Weltmodell einarbeitet.

Einordnung und Ausblick

Als Einzelbeleg taugt Hildegards Mondfinsternis-Passage nicht, um das Eruptionscluster 1108–1110 zu rekonstruieren. Sie ist weder datiert noch in ihrer Beschreibung so spezifisch, dass sich aus ihr zusätzliche geophysikalische Informationen ziehen ließen. Als Teil eines größeren Mosaiks verweist sie jedoch darauf, dass die Grenze zwischen „kosmologischer Spekulation“ und „Erinnerung an konkrete Naturereignisse“ bei einer Autorin wie Hildegard nicht scharf zu ziehen ist.

Hildegard verarbeitet Naturbeobachtungen und überlieferte Lehrtraditionen gleichermaßen in einem visionär-theologischen Deutungssystem. In diesem System erscheint die Mondfinsternis nicht als apokalyptisches Vorzeichen, sondern als Beispiel dafür, dass die Ordnung der Welt trotz sichtbarer Störungen trägt. Dass sie diese Störung mit der Sprache der Elemente und Winde beschreibt, ist in einem Klimaumfeld, das tatsächlich von ungewöhnlichen Störungen geprägt war, zumindest bemerkenswert.

Damit lässt sich die Hypothese in einem Satz zusammenfassen: Hildegards Beschreibung der Mondfinsternis in Causae et curae ist kein zusätzlicher „Beweis“ für die Eruptionen von 1108–1110, sondern möglicherweise eine spätere, theologisch durchgearbeitete Resonanz eines Himmelsereignisses, das in ihrer Jugend – und im Gedächtnis ihrer Zeitgenossen – besonders eindrücklich gewesen sein könnte.

Literaturhinweise

Anglo-Saxon Chronicle. Hrsg. von Charles Plummer / E. B. Giles u. a. Verschiedene Ausgaben; hier zitiert nach der Peterborough-Fassung (E) in der Edition von 1914.

Guillet, S. u. a.: Climatic and societal impacts of a "forgotten" cluster of volcanic eruptions in 1108–1110 CE. 2020.

Hildegard von Bingen: Causae et curae. Edition Moulinier 2003; Übersetzung Riha 2011.

Ortúzar Escudero, María José: The Early Medieval Image of the Earth and Its Transformations in the Liber divinorum operum (Visio II.1.1–7). In: Mediterranea. International Journal on the Transfer of Knowledge 10 (2025), 45–85.

Schmid-Lanter, Jost: Der Notker-Globus von um 1015. In: Cornel Dora (Hg.): Sterne. Das Firmament in St. Galler Handschriften. St. Gallen 2023, 84–89.

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