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Ingwer ist seit dem 1. Jahrhundert in europäischen Schriften nachweisbar. Dioskurides beschreibt ihn um 70 n. Chr. in seiner Materia medica als Pflanze, die reichlich im „troglodytischen Arabien" wachse, mit kleinen, weißlichen Wurzeln, die wie Pfeffer schmecken und aromatisch seien. Er empfiehlt, sie nicht wurmstichig zu wählen, und vermerkt, dass man sie wegen ihrer Verderblichkeit in Tongefäßen konserviert nach Italien verschifte. Therapeutisch schreibt er dem Ingwer wärmende und verdauungsfördernde Eigenschaften zu; er erweiche sanft den Darm und wirke auf Trübungen der Pupillen – insgesamt ähnelten seine Kräfte denen des Pfeffers.

Galen differenziert im 2. Jahrhundert die Wirkungsweise genauer: Die Ingwerwurzel, die man aus der „Barbaria" einführe, wärme kräftig, aber nicht so unmittelbar wie Pfeffer. Dies zeige, dass sie weniger feine Teile besitze. In ihr sei noch eine unverarbeitete, gröbere Substanz enthalten, nicht trocken und erdig, sondern eher feucht und wässrig. Daher werde sie auch leicht wurmstichig. Die vom Ingwer ausgehende Wärme halte länger an als jene von weißem oder schwarzem Pfeffer – ähnlich wie grünes Holz langsamer entflamme, aber länger glühe als trockenes Reisig. Will man den ganzen Körper schnell erwärmen, greife man zu rasch wirkenden Mitteln; will man hingegen einen erkalteten Körperteil anhaltend wärmen, seien Drogen wie der Ingwer vorzuziehen.

Galgant und Zitwer treten in den lateinischen Quellen erst ab dem Frühmittelalter vereinzelt auf. In den Fokus der gelehrten Arzneimittellehre rücken sie jedoch erst mit dem Liber graduum des Constantinus Africanus Ende des 11. Jahrhunderts, dem Macer floridus und frühen volkssprachigen Texten wie dem Prüller Kräuterbuch.

Hildegard von Bingen behandelt die drei Ingwergewächse bemerkenswert ausführlich. In der aktuellen Übersetzung der Naturkunde von Ortrun Riha nach der textkritischen Edition von Reiner Hildebrandt und Thomas Gloning umfasst das Galgant-Kapitel zwei Druckseiten, Zitwer hat eine und Ingwer sogar drei. Damit gehört der Ingwer zu den am ausführlichsten beschriebenen Heilmitteln der Physica und der Block mit den Ingwergewächsen (Kapitel I.13–15) zu den größten des ersten Buches.

Galgant – das Herzmittel 

Den Galgant (Alpinia spec.) charakterisiert Hildegard als „fast ganz warm", räumt ihm aber „eine mäßige Kälte" ein. Diese humoralmedizinische Einordnung macht ihn zum vielseitigsten der drei Ingwergewächse. Bei brennendem Fieber empfiehlt sie Galgantpulver in Quellwasser, die Kälte des Wassers und die Wärme der Droge sollen sich ausgleichen. Gegen Rücken- und Flankenschmerzen, die „aus kalten Säften" entstehen, dient hingegen ein Galgant-Wein.

Am bekanntesten ist Hildegards Empfehlung bei Herzbeschwerden: „Wer Herzweh hat und wem das Herz ohnmächtig wird, der esse sogleich genügend Galgant, und es wird ihm besser gehen." Diese knappe Anweisung zur unmittelbaren Einnahme bei akutem Herzleiden hat in der populären Hildegard-Rezeption besondere Aufmerksamkeit erfahren.

Darüber hinaus erscheint Galgant in komplexen Rezepturen gegen Mundgeruch (kombiniert mit Fenchel, Muskatnuss und Bertram), bei Melancholie (mit Bertram und weißem Pfeffer zu Plätzchen verarbeitet), gegen Verschleimung im Kopf (mit Aloe, Dost und Pfirsichblättern) sowie bei Lähmung (in einer Mischung aus sechs weiteren Drogen).

Zitwer – die gemäßigte Kraft

Der Zitwer (Curcuma zedoaria), heute weitgehend aus dem europäischen Arzneischatz verschwunden, gilt Hildegard als „gemäßigt warm" mit „großer Kraft". Seine Anwendungen sind spezifischer als beim Galgant. Bei Gliederzittern, das „aus kalten Schweißen infolge brennender Fieber entsteht", soll Zitwer zusammen mit etwas Galgant in Honigwein gekocht werden – ein Beispiel für die gezielte Kombination verwandter Drogen.

Eine eigentümliche Zubereitungsform empfiehlt Hildegard bei übermäßigem Speichelfluss und Kopfschmerzen: Das Zitwerpulver wird in ein Tuch gebunden und über Nacht in Wasser gelegt, sodass dieses „den Geschmack davon annimmt". Dieses aromatisierte Wasser dient dann als Trunk oder zur äußerlichen Anwendung an Stirn und Schläfen.

Bei Magenbeschwerden schließlich werden aus Zitwerpulver und feinem Mehl kleine Plätzchen (tortellum) geformt, die an der Sonne oder im erkaltenden Backofen getrocknet, dann erneut pulverisiert und „aus der Hand geleckt" werden.

Ingwer – die gefährliche Hitze

Die differenzierteste Bewertung erfährt der Ingwer (Zingiber officinale). Hildegard beschreibt ihn als „sehr heiß und zerfließend, das heißt löslich" und warnt ausdrücklich vor seinem Gebrauch bei Gesunden: Er mache „gedankenlos, unbeherrscht, hitzig und geil", denn er enthalte „unvermutete Hitze, die durch ihre Glut die Sinne des Menschen schwächt und die Geschlechtsorgane anregt".

Nur bei bereits Geschwächten, die „in ihrem Körper trocken" sind und „schon fast sterben", sei Ingwer angezeigt – dann aber mäßig dosiert in der Morgensuppe. Sobald Besserung eintritt, solle der Patient die Einnahme beenden, „damit er davon keinen Schaden nimmt".

Diese Zurückhaltung gegenüber dem Ingwer kontrastiert mit den zahlreichen Rezepturen, in denen er dennoch erscheint: bei eitrigen Augen (als Ingwer-Wein zur äußerlichen Anwendung), bei Verstopfung (als Küchlein mit Ochsenzungensaft und Bohnenmehl), bei Hautausschlag (in Essig-Wein-Mischung) und bei der rätselhaften Krankheit vich (in einem komplexen Läutertrank). Bemerkenswert ist auch das ausführliche Rezept für ein Abführmittel aus Ingwer, Süßholz, Zitwer, Zucker und Wolfsmilchsaft, das im März oder April an der Sonne getrocknet werden soll.

Die Kombination der drei Drogen

Der titelgebende Satz „Ingwer und zweimal so viel Galgant und halb so viel Zitwer" stammt aus einem Rezept gegen Magenbeschwerden. Die Mengenverhältnisse zeigen, dass Hildegard dem Galgant die tragende Rolle zuweist, während der problematische Ingwer zurücktritt und der Zitwer nur als Ergänzung dient. Diese Gewichtung spiegelt die humoralmedizinische Logik: Der gemäßigt warme Galgant bildet die Basis, die „jähe Hitze" des Ingwers wird durch die geringere Menge gezügelt, und der Zitwer rundet die Komposition ab.

Auch andernorts kombiniert Hildegard die Ingwergewächse untereinander oder mit weiteren Drogen. Das Prinzip der ausbalancierten Mischung, bei der verschiedene Wärmegrade und Kräfte aufeinander abgestimmt werden, durchzieht ihre gesamte Arzneimittellehre.

Und Kurkuma?

Die heute populärste Vertreterin der Ingwergewächse, die Gelbwurz (Curcuma longa), fehlt bei Hildegard. Zwar zirkuliert der Begriff seit den arabisch-lateinischen Übersetzungen des 11. und 12. Jahrhunderts in den gelehrten Texten, doch bleibt Kurkuma im gesamten lateinischen Mittelalter schlecht greifbar. Was Hildegard unter dem Namen „goldwurtz" beschreibt (Kapitel I.139), meint nicht die indische Gelbwurz, sondern das Schöllkraut (Chelidonium majus) – eine der Ersatzdrogen, die neben Safran die färbenden Eigenschaften des unerreichbaren Originals substituieren sollten.

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