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In der Medizingeschichte wird das Wirken arabischer Gelehrter oft auf das bloße Bewahren antiker Schriften reduziert. Die Auswertung der Quellen zu Zinziber (Ingwer) belegt jedoch, dass Autoren wie Ibn Sīnā, Ibn Wāfid und al-Bayṭār das griechische Erbe von Dioskurides und Galen als Rohmaterial begriffen, das sie durch eigene Prüfung der Arzneikräfte und durch das Ordnen der Qualitäten umgestalteten. Diese Gelehrten handelten als tätige Arzneikundige, die Widersprüche in den Überlieferungen auflösten und die Drogenkunde zu einer Lehre ausbauten.

Das Gleichnis vom grünen Holz: Die Ordnung der Erwärmung

Die arabische Medizin übernahm von Galen die Beobachtung, dass der Ingwer trotz seiner Schärfe eine „überflüssige Feuchtigkeit” besitzt. Während Galen dies vor allem zur Erklärung des schnellen Verderbs anführte, machten arabische Autoren daraus eine Regel für die ärztliche Wahl des Heilmittels. Sie etablierten das Gleichnis vom Brennholz, um die Wirkzeit der Arznei zu bestimmen: Während trockene Stoffe wie der schwarze Pfeffer wie „dürres Holz” wirken, das sofort entflammt und die Hitze flüchtig im Körper verteilt, verhält sich der Ingwer wie „grünes Holz”.
Wegen seiner Feuchtigkeit entzündet sich der Ingwer langsamer, brennt dafür aber stetiger und hält die Wärme länger fest. Auf dieser Erkenntnis fußt die Anweisung für die Praxis: Soll der gesamte Körper plötzlich erwärmt werden, ist der Pfeffer zu wählen; bedarf es jedoch einer anhaltenden Erwärmung einzelner Organe wie der Leber oder des Magens, ist der Ingwer vorzuziehen. Al-Bayṭār betont hierbei, dass die Hitze des Ingwers weit längere Zeit zurückbleibt. Hier zeigt sich das aktive Eingreifen der Autoren, die aus einer Naturbeschreibung eine Vorschrift für das organbezogene Erwärmen machten.

Ibn Sīnā und die Bereinigung der klinischen Überlieferung

Ein Beispiel für das ordnende Handeln dieser Gelehrten ist Ibn Sīnās Auseinandersetzung mit der Wirkung des Ingwers auf den Leib. Die antike Lehre des Dioskurides beschrieb den Ingwer als ein Mittel, das den Bauch leicht weich macht. Dem stand die Meinung anderer Autoren wie al-Kindī gegenüber, die behaupteten, er halte den Leib eher an. Ibn Sīnā übernahm nicht einfach eine dieser Lehren, sondern entschied den Streit durch die Betrachtung der Säfte: Er stellte fest, dass Ingwer den Leib nur dann anhält, wenn die Beschwerde auf einer schlechten Verdauung oder der Klebrigkeit zäher Säfte beruht.
Indem der Ingwer die Verdauung stärkt und die Säfte bereitet, beseitigt er die Ursache des Leidens. Darüber hinaus erweiterte Ibn Sīnā das Einsatzgebiet eigenständig auf das Gehirn und die Sinne. Er ordnete dem Ingwer die Stärkung des Gedächtnisses und das Abstreifen der Feuchtigkeiten von Kopf und Hals zu. Diese Erweiterung, die in der späteren Tradition oft als arabischer Zuwachs geführt wird, zeigt die Gelehrten als Forscher, welche die Arzneikraft über den Magenbereich hinaus auf die geistigen Funktionen ausdehnten.

Vorkehrungen für den Erhalt der Arzneikraft und den Handel

Diese ordnende Tätigkeit zeigt sich auch in der Bereitung der Arznei und der Sicherung ihrer Kraft für den weiten Transport. Da die Feuchtigkeit des Ingwers ihn anfällig für Fäulnis und das „Zerfressenwerden” machte, entwickelten Gelehrte wie Ibn Wāfid und al-Bayṭār Verfahren zur Konservierung. Sie beschrieben das Einmachen in Honig, Salz oder Wasser. Das Würzen mit Honig wurde dabei als ein gezielter Eingriff verstanden: Der Honig nimmt die überflüssige Feuchtigkeit auf und macht die Wurzel im Ganzen trockener und heißer.
Diese Vorkehrungen waren eng mit den Erfordernissen des Handels verknüpft. Die Autoren beschreiben den Transport in irdenen Gefäßen aus den Ländern der Araber und Inder bis nach Italien und in das Land der Römer. Damit wurde die Drogenkunde um das Wissen über die Beständigkeit der Materie ergänzt. Al-Bayṭār fügte zudem Regeln für die Ernährung hinzu, etwa den Genuss von Ingwer zur Minderung der Feuchtigkeit, die nach dem Verzehr von Melonen im Magen verbleibt.

Die Lehre von den Ersatzmitteln und der Säftebildung

In der arabischen Überlieferung, die auch indische Quellen einbezog, wurde die Wirkung des Ingwers auf die Zeugung über die Beschaffenheit der Säfte begründet: Die Verbindung aus Schärfe und Feuchtigkeit sorge dafür, dass die Materie des Samens vermehrt werde. In der Augenheilkunde entwickelten die Gelehrten die allgemeinen Hinweise der Antike zu technischen Rezepten weiter: So beschreiben sie in den „Büchern der Erfahrungen”, wie gepulverter Ingwer mit der Feuchtigkeit von Ziegenleber vermischt werden muss, um Flecken auf der Hornhaut zu vertreiben.
Schließlich schufen die arabischen Gelehrten ein geschlossenes System der Ersatzmittel, um die Heilung auch dann zu sichern, wenn kein Ingwer verfügbar war. Sie gaben genaue Verhältnisse an: Wer keinen Ingwer hatte, konnte das gleiche Gewicht an weißem und langem Pfeffer nehmen oder das anderthalbfache Gewicht des Alants (Inula helenium). Diese Regeln belegen, dass die Gelehrten die Heilkraft der Drogen als gegeneinander abwägbare Größen begriffen und die Arzneikunde so zu einer Lehre von den messbaren Kräften und Gewichten ausbauten.

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