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Prolog – Eine fiktive Historia

 Würzburg, Frühling 1419. In der Judengasse war es noch kühl, als Sara die kleine, bauchige Glasflasche gegen das einfallende Morgenlicht hob. Der Harn schimmerte gelb wie dünner Wein, an den Wänden haftete ein feiner Satz; klar genug, um keine unmittelbare Lebensgefahr zu verkünden, trüb genug, um nicht als Zeichen vollkommener Gesundheit durchzugehen. Sie hielt die Flasche ein wenig schräg, ließ die Blase des Sediments langsam aufsteigen und dachte unwillkürlich an die Merksätze, die sie sich vor Jahren zurechtgelegt hatte: was leicht aufsteigt, ist nicht das schwerste Leiden; was schwarz oder wie altes Blut wirkt, verlangt mehr als ein wohlmeinendes Gebet.

Draußen höhnte eine Stimme, dann gedämpftes Gelächter. „Die Judenärztin,“ murmelte einer, nicht laut genug, um es als offene Beschimpfung gelten zu lassen, aber deutlich genug, um den Punkt zu markieren. Sara stellte die Flasche beiseite, schob die kleine Holztafel näher zu sich und notierte ein paar Stichworte zu Schlaf, Appetit und Schmerzen der Patientin. Sie hatte den Harn der Frau nie anders gesehen als in solchen Gefäßen; für einen Hausbesuch war noch kein Anlass gewesen, und vielleicht blieb es so. Die Grenze zwischen Neugier und Furcht war schmal, wenn es darum ging, eine Jüdin ins Frauengemach zu holen.

„Er soll froh sein, dass ich überhaupt noch sehe, was vor seiner Nase liegt“, dachte sie und wusch sich die Hände in einer Schale mit lauwarmem Wasser. Der Geruch des Harns, den sie so früh am Morgen kaum noch wahrnahm, wich dem herben Duft des Rosmarins, den sie in die Schale gelegt hatte. Als sie die Tür öffnete, stand der Bote des Rates bereits im Hof – der jüngere von den beiden, mit der schief gebundenen Mütze.

„Frau Sara?“ Er bemühte sich um einen Ton irgendwo zwischen höflich und dienstlich.

„Ich sehe sonst niemanden hier, der so heißt“, antwortete sie und wartete, bis er den Blick hob. „Was will der Rat von mir um diese Stunde?“

„Nicht der Rat.“ Er schluckte. „Der Herr Bischof. Sein Schreiber lässt Euch in den Hof des Domkapitels bitten. Noch vor der Terz.“

Sie trocknete sich die Hände sorgfältig ab. „Geht es um Krankheit oder um Schrift?“

„Um beides, wie ich hörte. Es geht um Eure Erlaubnis.“

Das Wort stand einen Moment zwischen ihnen, schwer und unbequem. Erlaubnis. Seit Monaten wurde hinter verschlossenen Türen darüber geredet, ob eine Jüdin im Gebiet Johanns von Brunn die Kunst ausüben dürfe, die man seit jeher den „doctores“ zuschrieb. Man verwies auf die Bulle aus Rom von 1415, auf Verbote und Mahnungen, und man verwies ebenso eifrig auf den Ärztemangel, auf Pestzüge und die schlichte Tatsache, dass ein guter Pulsleser in Kriegs- und Hungerjahren kaum zu entbehren sei.

Sara nickte nur. „Dann gehen wir“, sagte sie. „Der Harn läuft mir nicht davon.“

 

Kapitel 1 – Das Privileg

Der Hof des Domkapitels war bereits belebt, als Sara eintraf. Schreiber liefen mit Bündeln von Pergament von einer Tür zur anderen, Kleriker in dunklen Mänteln schritten über das Pflaster, ein Stallknecht fluchte leise auf einen störrischen Wallach ein. In einem der oberen Fenster glaubte sie für einen Moment die Umrisse des Bischofs zu erkennen, aber vielleicht war es auch nur ein anderer, in schwerem Stoff gehüllter Körper.

Vor der Kapitelsstube wartete Eberhardt von Wiesenthau, Landrichter und Domherr, ein Mann mit fahler Haut und zu wachsamem Blick.

„Frau Sara“, begrüßte er sie, als stünde einer von ihnen auf der falschen Seite der Tür. „Ihr kommt rechtzeitig.“

„Man lässt eine solche Einladung nicht liegen“, erwiderte sie. „Auch nicht, wenn sie so früh kommt.“

Er lächelte kurz. „Heute werden zwei Dinge entschieden. Zuerst Euer Privileg, dann die Sache Riedern. Vielleicht hängen beide mehr zusammen, als es auf den ersten Blick scheint.“

Beim Namen des Ritters wurde es einen Moment still in der Runde. Friedrich von Riedern, Herr zu Lauda, war in den letzten Monaten nicht nur als Soldknecht des Bischofs, sondern auch als schlechter Zahler aufgefallen. Man munkelte von Spielschulden, von verpfändeten Wäldern, von Weinrechnungen, die seit Jahren in den Kellern der Stadt lagen.

In der Stube roch es nach Wachs, Tinte und nasser Wolle. Auf einem Tisch lagen mehrere vorbereitete Pergamente, die Siegelbänder bereits zugeschnitten. Der Kanzler des Bischofs verlas die Bulle von 1415 in einem Tonfall, der weniger an eine Mahnung als an ein lästiges Hindernis erinnerte.

„In Frankfurt“, murmelte einer der Kapitelherren halblaut, als der Latinist einen Moment nach Luft schnappte, „haben sie in der Pest ihren Stadtarzt und dessen Tochter an die Verwundeten gelassen – und später sogar Juden als Ärzte geduldet. Wenn der Tod vor der Tür steht, fragt keiner mehr, wessen Gott im Siegel steht, sondern wer den Puls zu lesen weiß.“

Der Kanzler tat, als hätte er es nicht gehört, aber im Raum lag ein leises, beklommenes Raunen, das sich nicht einfach mit Weihrauch vertreiben ließ. Dann folgte der Entwurf des neuen Schreibens: Der Bischof Johann II. von Brunn erteile der Jüdin Sara, genannt Ärztin, die Erlaubnis, im Gebiet des Hochstifts für drei Jahre die ärztliche Kunst auszuüben, gegen eine jährliche Abgabe von zehn Gulden und den goldenen Opferpfennig von zwei weiteren Gulden.

„Ihr kauft Euch Freiheit“, hatte ein Nachbar in der Judengasse am Vortag gespottet, „wie andere sich einen Platz im Chorgestühl kaufen.“

Jetzt hörte Sara nur die nüchternen Worte, die der Schreiber in den Raum warf wie Steine über Wasser. Er skizzierte ihre Verpflichtungen, die Grenzen ihres Wirkens, das Verbot, ohne Wissen des Bischofs in andere Herrschaftsgebiete zu ziehen. Kein Wort wurde darüber verloren, was geschehen würde, wenn sie sich weigerte oder die Abgabe nicht leisten konnte.

„Seid Ihr einverstanden?“ fragte der Kanzler schließlich und sah sie zum ersten Mal direkt an.

„Ich bin einverstanden“, sagte sie. „Es ist besser, mit Worten gebunden zu sein als mit Gerüchten.“

Eberhardt von Wiesenthau nickte zustimmend. „Die Sache Riedern wird den Herren heute auch wieder vorgelegt werden“, sagte er leise. „Sie schleppt sich nun seit Monden durch die Kammern. Vielleicht hängt Euer neues Pergament stärker daran, als es auf den ersten Blick scheint.“

 

Kapitel 2 – Gerüchte und Namen

Es war nicht nur der Tag im Hof des Domkapitels, der Saras Namen durch die Stadt trug. In den Wochen danach, wenn sie abends in die Judengasse zurückkehrte, waren die Tage längst in Gespräche zerfallen. Man hatte sie im Hof des Domkapitels gesehen, hatte gehört, wie die Namen Johanns von Brunn, Riederns und ihres eigenen in einem Atemzug genannt worden waren. Einige sagten, sie sei nun die Leibärztin des Bischofs, andere, sie habe den alten Seligmann aus Mergentheim beerbt, als wäre ärztliches Wissen eine Truhe, die man mit einem einzigen Schlüssel öffnet.

„Er hat ihr alles beigebracht“, behauptete eine Nachbarin am Brunnen. „Er war der Gelehrteste seiner Zeit, sagen sie, und sie ist seine Schülerin.“

„Er war vor allem einer, den der Bischof brauchte, als es keiner der Lateiner mehr tat“, entgegnete eine andere. „Jetzt braucht er sie. Und morgen vielleicht wieder einen anderen.“

Wenn sie am Brunnen den Namen Riedern hörte, legte sich über das Gemurmel der Stimmen ein anderes Bild, das längst Monate zurücklag: Lauda, der Geruch von Blut und Wein, der graue Mann, der mehr Schulden als Kraft zu haben schien.

 

Kapitel 3 – Aderlass und Schulden

Sie sah Friedrich von Riedern wieder – wenn man dieses Wort für seine halb liegende Haltung verwenden wollte – in Lauda, lange bevor der Bischof ihren Namen in Pergament fassen ließ. Sein Gesicht war grau, die Lippen spröde, auf seinem Hemd zeichnete sich ein dunkler Fleck ab, dort, wo unter dem Stoff ein frischer Aderlassverband liegen musste. Ein Wundarzt stand abseits, die blutverschmierte Schale in der Hand, als sei sie Entschuldigung und Anklage zugleich.

„Ihr seid spät“, knurrte Riedern, als Sara eintrat. „Man sagte mir, die Judenärztin sei schnell.“

„Schnelligkeit ist kein Heilmittel“, entgegnete sie und stellte die Tasche ab. „Was ist geschehen?“

Der Wundarzt, ein Mann in den Vierzigern mit breiten Händen, trat vor. „Der Herr Ritter hatte seit gestern Schmerzen im Kopf und Druck auf der Brust. Ich habe ihn, wie es sich gehört, in der Armbeuge gelassen, um das Blut zu erleichtern. Zuerst ging es ihm besser, dann wurde er schwach. Der Hofmeister bestand darauf, Euch zu holen.“

Sara trat näher, ohne den Ritter zu berühren. Sie sah die wächserne Haut, hörte den flachen Atem, spürte die Ungeduld der Umstehenden. Ein Diener hielt eine Kerze, deren Flamme in unruhigen Bögen schwankte.

„Legt die Hand hierher“, sagte sie zum Wundarzt und deutete auf die Innenseite ihres eigenen Handgelenks. „Spürt Ihr das?“

Er legte die Finger an ihr Handgelenk, tastete den Puls und nickte.

„So sollte der Puls eines Mannes sein, der eben eine Schale voll Blut gelassen hat und nun ruht. Kräftig, aber nicht hastig. Jetzt tretet hierher.“ Sie nahm Friedrichs Hand, so vorsichtig, als handele es sich um zerbrechliches Glas, und legte die Finger an die Schlagader.

Der Puls war dünn und ungleichmäßig, ein Zucken und Versiegen, als zöge jemand den Lebensfaden ruckartig durch ein zu enges Nadelöhr. Ortolf hätte von einem „fliehenden“ Puls gesprochen, einem Zeichen, dass mehr genommen worden war, als der Körper entbehren konnte. Sara brauchte den Namen nicht laut zu sagen; die Einteilung der Pulse, die Verbindung von Schlag, Atem und Farbe des Gesichts, war ihr längst in Fleisch und Blut übergegangen.

„Ihr habt ihm zu viel genommen“, sagte sie ruhig. „Der Kopf war voll, aber das Herz ist schwach. Ihr habt abgeleitet, wo Ihr hättet führen müssen.“

„Die Ader in der Armbeuge ist sicher“, wehrte der Wundarzt ab. „So hat man es mich gelehrt.“

„Sicher – für wen?“ fragte sie. „Für Euch oder für ihn? Bei Kopfweh und rotem Gesicht könnt Ihr an der Stirn lassen, an der Schläfe, unter der Zunge. Wenn der Atem kurz ist und der Puls springt, müsst Ihr auf das Herz hören, nicht auf Eure Gewohnheit.“

Eberhardt von Wiesenthau war unbemerkt eingetreten und trat nun neben sie. „Könnt Ihr ihn retten?“

„Wenn er nicht schon zu tief gefallen ist“, antwortete sie. „Bringt Wasser, warm, nicht heiß, und Tücher. Und Ihr“ – sie wandte sich an den Wundarzt – „sucht Euch eine ruhige Ecke und denkt darüber nach, wann Ihr das letzte Mal ein Buch angesehen habt, das mehr enthält als Messer und Scheren.“

Ein Murmeln ging durch den Raum. Das „Buch“ war eine stille Anspielung, die nur wenige begriffen: das große deutsche „Artzpuech“, das seit Jahren in den Händen der städtischen Wundärzte kursierte, abgeschrieben und weitergegeben wie ein geheimer Schatz. An seinem Anfang stand der Name eines längst verstorbenen Meisters, „arzet in Wirzeburc“, der vielen jüngeren Handwerkern nur noch eine blasse Legende war.

Sara dachte nicht in Legenden, sondern in Bildern. In ihrem Kopf liefen die Regeln ab, die sie sich aus verschiedenen Schriften, Gesprächen und eigenen Erfahrungen zusammengesetzt hatte: wann man wohin lassen durfte, welche Farbe des Blutes als „gut“ und welche als „verderbt“ galt, wann man mit Harnschau und Pulsdiagnose weiterkam als mit dem schärfsten Lanzett.

Sie ließ Riedern einen Schluck gewürzten Weins trinken, so wenig, dass er sich nicht verschlucken konnte, und ordnete die Kissen so, dass seine Brust freier atmete. Dann bat sie um den Harn, den der Diener achtlos in einer Ecke stehen gelassen hatte.

Die Flüssigkeit war wässrig, fast farblos, mit einem dünnen, schwebenden Satz. Ein Körper, der kaum noch Kraft hatte, etwas Schweres auszutragen.

„Ihr werdet heute nicht reiten“, sagte sie zu Riedern. „Und Ihr werdet in den nächsten Wochen niemanden bedrohen, weder mit Worten noch mit Waffen. Euer Blut ist leer, Euer Atem kurz, Euer Besitz in fremder Hand. Sucht Euch aus, was Ihr zuerst wiederhaben wollt.“

Er versuchte zu lachen, brachte aber nur ein heiseres Keuchen hervor. „Ihr sprecht wie ein Beichtvater.“

„Ich spreche wie jemand, der nicht an Euer Seelenheil bezahlt wird“, erwiderte sie. „Nur an Euer Überleben.“

Hinter ihr räusperte sich der Landrichter. „Die Sache Eurer Güter,“ sagte er, „wird dennoch verhandelt. Ob Ihr nun steht oder liegt. Sara hat Anspruch auf das, was Ihr ihr schuldet, so wie Ihr Anspruch auf Luft und Blut habt. Beides ist Euch nicht geschenkt.“

Später, wenn sie in ihrer Kammer saß, legte sie das Pergament mit dem Siegel Johanns von Brunn neben ihre Notizen zur Harnschau. Beide waren Versuche, chaotische Körper in geordnete Zeichen zu verwandeln: der eine regelte, wo sie arbeiten durfte, der andere, wie sie arbeiten konnte. Über beidem lag ein Schatten, den sie noch nicht benennen konnte. Vielleicht war es nur die Müdigkeit eines langen Tages; vielleicht auch der Verdacht, dass Privilegien und Schuldscheine leichter zu verlieren waren als das Wissen eines toten „arzet in Wirzeburc“.

Sie löschte die Kerze und blieb noch einen Moment im Dunkeln sitzen, den Geruch von Wachs, Tinte und Rosmarin in der Nase. Morgen würde wieder jemand an die Tür klopfen, mit einem Harnkrug, einer Wunde oder einem Gerücht. Und in jedem dieser Klopfer würde ein Stück jener Welt stecken, die Ortolf beschrieben hatte und die doch längst eine andere geworden war.

 

Kapitel 4 – Frauenheilkunde im Schatten Ortolfs

Die Nachricht kam in einem Tuch gewickelt: ein Harnkrug, sorgfältig mit Wachs versiegelt, dazu ein zusammengefalteter Zettel mit einer krakeligen Hand, die sich Mühe gegeben hatte, höflich zu klingen. Sara brauchte nur den ersten Satz zu lesen, um zu wissen, dass die Schreiberin es nicht gewohnt war, an Jüdinnen zu schreiben.

„Ehrbare Frau Sara, mir ist von Eurer Kunst berichtet worden. Eine edle Frau aus dem Umland leidet an Unordnung ihres Blutes und großer Schwäche. Aus Furcht vor Gerede bittet sie, Euch vorerst nur ihren Urin sehen zu lassen. Wenn Ihr es für nötig haltet, so will sie Euch heimlich in ihr Haus holen lassen.“

Das Wachs trug das verschmierte Relief eines unbekannten Wappens. Kein Riedern, kein Wiesenthau, kein Zeichen, das sie mit Namen hätte benennen können. Es war das Siegel jener vielen kleinen Adelsgeschlechter, die zwischen den größeren Herren lebten wie Büsche zwischen hohen Bäumen: zu gering, um in den Chroniken aufzutauchen, zu mächtig, um im Alltag übersehen zu werden.

Sie brach das Siegel, hob den Krug ins Licht und sah eine trübe, rostfarbene Flüssigkeit, schwer und unruhig, mit dunklen Schlieren, als hätte jemand feine Fäden alten Blutes darin ausgestrichen. Der Satz am Boden war dicht und krümelig, kein zartes Wölkchen wie am Morgen einer gesunden Frau.

Sie setzte sich an den Tisch, zog eine der Wachstafeln heran und begann, leise vor sich hin zu sprechen, während sie schrieb.

„Blut, das zu oft und zu heftig fließt, macht schwach, nimmt Schlaf und Atem. Wenn die Kräfte sinken und das Mark in den Knochen leer wird, hilft kein frommer Wunsch, sondern nur kluges Messen und Schonen.“

In ihren Gedanken tauchten Sätze auf, die sie in lateinischen Fragmenten, in deutschen Abschriften und im Mund älterer Wundärzte gehört hatte. Ein Meister aus Würzburg, hieß es manchmal nur, habe dies und jenes über das Blut der Frauen geschrieben, über den rechten Zeitpunkt, den Leib zu reinigen, und über die Gefahr, wenn man zu viel ausleitete, wo der Körper doch halten wollte. Andere sprachen von einem „Artzpuech“, das in Speyer und anderswo abgeschrieben worden sei und in dem die Frauenleiber nicht minder ernst genommen wurden als die der Männer.

Sie hatte nie eine vollständige Handschrift gesehen, doch sie brauchte sie auch nicht. Was sich an praktischer Weisheit aus solchen Büchern löste, klebte an den Händen derer, die tagtäglich mit Blut und Schmerz zu tun hatten. Aus ihren Worten war längst ein stilles Geflecht geworden, in das sie eigene Beobachtungen eingeflochten hatte.

Sara schrieb eine Antwort an die unbekannte Adlige. Sie empfahl eine Kur aus Ruhe, maßvoller Speise und einem Trank, den sie aus Granatapfelblüten, Myrtelsamen und etwas Hirschhorn zusammensetzen wollte, wenn die Frau bereit sei, ihr mehr als nur den Harn zu zeigen. Der Trank war nicht eins zu eins aus einem Buch genommen; er war eine Verschiebung, ein Nachhall jener Rezepte, in denen Kräuter, Harze und Mineralien wie eine kleine Schar um das schwankende Blut versammelt wurden.

„Sagt ihr“, schrieb sie am Ende, „dass es Zeiten gibt, in denen der Leib sprechen will, und Zeiten, in denen er schweigen muss. Wer beides verwechselt, wird krank. Ich helfe ihr, zuzuhören.“

Der Bote des Rats, diesmal der ältere, nahm den Krug und die Antwort schweigend entgegen. Vielleicht würde er am Brunnen erzählen, die Judenärztin schreibe nun auch an Adlige, als seien sie ihre Schüler. Vielleicht würde er nichts sagen. Was die Boten schwiegen, hielten die Gerüchte selten auf.

 

Kapitel 5 – Ein Buch aus Salerno

In manchen Nächten, wenn der Regen so hart gegen die Läden prasselte, dass es klang, als wolle er die Schrift von den Pergamenten schlagen, dachte Sara an ein anderes Buch, das sie nur flüchtig gesehen hatte. Es war Jahre her, damals, als der Domherr, der ihr wohlgesinnt war, sie in eine kleine, fensterarme Kammer geführt hatte, in der die Bücher der Kapitelsherren lagen wie stumme Tiere in ihren Fächern.

„Das hier zeigen sie nicht jedem“, hatte er gesagt und ein schmales Heft hervorgezogen, dessen Pergament an den Rändern bereits ausgefranst war. Die Schrift war dicht und geübt, lateinisch, mit roten Überschriften, in denen Worte wie „passiones mulierum“ und „cura earum“ auftauchten.

„Ein Weiberbuch aus Salerno“, erklärte er, halb stolz, halb verschwörerisch. „Manche nennen es ›Trotula‹, nach den Worten am Anfang, und behaupten, es sei von einer Frau geschrieben. Andere sagen, das sei nur Gerede. Aber die Studenten schwören darauf, wenn sie über Frauenleiber reden, als hätten sie sie erfunden.“

Sara konnte das Meiste nicht ohne Hilfe lesen; ihr Latein reichte für Rezepte, für Randbemerkungen, für das, was man ihr langsam vorlas, nicht für die langen Satzgirlanden einer Schule, die fern am Meer lag. Aber sie erkannte die vertrauten Muster: das Reden von Hitze und Kälte des Leibes, von Feuchtigkeit und Trockenheit, von Öffnen und Schließen, Reinigen und Stärken. Es war, als habe eine fremde Hand die gleichen Knoten zu lösen versucht, an denen sie täglich zog.

„Und was sagt Eure gelehrte Frau aus Salerno?“ hatte sie damals gefragt.

Der Domherr zuckte mit den Schultern. „Dass Frauen krank werden, wenn man sie behandelt wie Männer. Dass ihr Blut eigen ist, ihre Schmerzen, ihre Scham. Manche Sätze sind so derb, dass ich sie lieber nicht wiederhole. Andere sind klüger, als es manchem hier lieb ist.“

Später, als sie wieder allein war, hatte sie sich gefragt, ob es die Frau je gegeben hatte, von der die Studenten erzählten, oder ob sie nur ein Name war, unter dem man das Unbehagen verstaute, dass Frauen über Frauen schrieben. Für sie war es gleichgültig. Es genügte zu wissen, dass irgendwo, weit vor ihrer Zeit, eine Frau ihre Gedanken zu Papier gebracht hatte, und dass diese Gedanken den Weg in die kalte Kammer eines fränkischen Domkapitels gefunden hatten.

Wenn sie nun an einem Harn roch, an einem zitternden Puls lauschte oder die Hand einer Patientin hielt, während sie über unordentliches Blut sprach, mischten sich die Stimmen in ihrem Kopf: der unbekannte „arzet in Wirzeburc“, dessen Regeln die Wundärzte zitierten, ohne seinen Namen zu kennen, und die ferne »Trotula« aus Salerno, von der die Studenten sprachen und die angeblich die Leiden der Frauen beschrieben hatte, als seien sie mehr als nur eine Fußnote in der allgemeinen Lehre.

Zwischen diesen Stimmen suchte sie ihren eigenen Ton. Nicht, um Ortolf oder das Buch »Trotula« zu überbieten, sondern um den Frauen, die vor ihr saßen, etwas anzubieten, das weder nur aus fremden Sätzen noch nur aus ihren Wunden bestand.

 

Kapitel 6 – Hebammen und Frauengeheimnisse

Nicht jede Frau, die nach Sara schicken ließ, wollte eine Ärztin im Haus haben. Manchmal war es nur ein Name, der heimlich geflüstert wurde, wenn die Dinge zu entgleiten drohten: bei einer Geburt, die zu lange dauerte, bei einem Blut, das nicht aufhören wollte zu fließen, bei einem Kind, das zu früh, zu klein, zu still war.

An jenem Nachmittag roch das Haus nach Schweiß, Rauch und Lauge. In der Stube kniete eine Hebamme hinter der Gebärenden und hielt sie fest, die Knie breit, den Rücken rund, wie ein Baum, der einem andern das Stehen beibringt. Zwei jüngere Frauen reichten Tücher, wischten Stirn und Hände, murmelten Stoßgebete und Volkslieder durcheinander.

Sara blieb zunächst an der Tür stehen. „Wenn ihr mich nicht braucht, bin ich wieder weg“, sagte sie. „Ich nähe lieber Wunden, als unnötig im Weg zu stehen.“

Die Hebamme – eine von denen, die seit Jahrzehnten in den Gassen ein- und ausgehen, ohne je ein Pergament mit Siegel in der Hand gehalten zu haben – blickte nur kurz auf. „Bleib“, murmelte sie. „Das Kind macht es sich bequem, wo es nicht bleiben soll.“

Später, als der schlimmste Sturm vorüber war und das Neugeborene mit krächzender Stimme seinen Anspruch auf die Welt anmeldete, setzte man sich auf Hocker und Truhen, so, wie die Beine es zuließen. Die Hebamme zog aus der Truhe ein schmales Heft hervor, dessen Ecken speckig waren vom vielen Anfassen.

„Mein Büchlein“, sagte sie, fast entschuldigend. „Geschrieben hat es ein junger Schreiber, der mehr Feder als Erfahrung hatte. Aber die Rezepte habe ich ihm vorgesagt. Was davon gut ist, weiß Gott und die, die noch leben.“

Auf der ersten Seite hatte jemand in ungelenker Schrift ein paar Sätze gesetzt, die aussahen wie ein Bannspruch, aber keiner war. Man solle dieses Buch nicht in die Hände der Toren geben, hieß es sinngemäß, noch es denen vorlesen, die nur kichern wollten. Gott habe den Frauen ihre heimlichen Nöte auferlegt, und nicht alle müssten wissen, wie man ihnen beikomme. Wer darin lese, solle Verstand haben.

Weiter hinten stand am Rand eines Rezeptes in dunklerer Tinte: „die arznei ist goldes wert“. Jemand hatte daneben ein kleines Kreuz gezeichnet, als sei damit bewiesen, dass die Salbe bei der letzten, die sie benutzte, geholfen hatte.

Sara blätterte vorsichtig. Zwischen den Rezepten klebten Spuren eines ganzen Lebens: Fettflecken, getrocknete Tropfen, ein graues Haar, das sich im Falz verfangen hatte. Neben pulverisierten Wurzeln und gekochten Samen standen Sätze, die mehr Segen als Anweisung waren, Rufe nach Maria und ihren Heiligen, nach Engeln, die dem Kind den Weg zeigen sollten.

„Und du lässt das alles hier im Haus?“ fragte sie.

Die Hebamme schüttelte den Kopf. „Ich nehme es mit. Bücher bleiben nicht heil, wenn zu viele Augen sie sehen. Und manche Männer würden lieber das Feuer darunter machen, als zugeben, dass sie davon gelernt haben.“

Sara dachte an das Heft aus Salerno im Domkapitel, an die gelehrten Worte über die Natur der Frauen und ihre Krankheiten, und an dieses schlichte Büchlein mit seinen gemischten Stimmen. Zwischen ihnen lag eine große Entfernung und doch eine enge Verwandtschaft. In beiden versuchte jemand, die gleiche Dunkelheit zu beschreiben: den Weg eines Kindes in die Welt, das Zögern des Blutes, die Furcht vor dem, was im Leib verborgen blieb.

„Behalt es gut“, sagte sie. „Und wenn du eines Tages nicht mehr mit anpacken kannst, such dir eine, die Hände und Augen hat und keinen losen Mund. Solange einer von uns noch weiß, was hier steht, ist es nicht ganz verloren.“

Die Hebamme schnaubte. „Red nicht, als wärst du selbst schon mit einem Bein im Grab, Judenärztin. Wir werden beide noch genug Blut sehen, ehe uns einer in ein Buch schreibt.“

 

Kapitel 7 – Ein Kind am Sabbat

Der Sabbat lag wie ein leichter Mantel über der Judengasse. Der Lärm der Werktage war gedämpft, die Türen standen halb offen, und aus manchen Stuben drang leises Singen, während die letzten Brotreste vom Vorabend auf den Tischen lagen. Sara hatte die Tasche mit den Instrumenten in die Ecke gestellt; an diesem Tag beantwortete sie nur das, was sich nicht bis nach Sonnenuntergang gedulden ließ.

Sie saß über einem schmalen Buch mit hebräischer Schrift, als das Klopfen kam. Kein höfliches Pochen, sondern ein hastiges Hämmern, das die Schwelle zum Verbotenen ignorierte.

„Es ist Sabbat“, rief jemand im Hof.

„Und der Junge brennt“, kam die Antwort. „Sein Atem geht wie ein Blasebalg, der gleich reißt. Fragt mich nicht nach Verboten, wenn mein Kind stirbt.“

Der Vater stand in der Tür, noch im guten Rock, das Gebetsband lose um das Handgelenk geschlungen. Schweiß glänzte auf seiner Stirn.

„Seit wann?“ fragte Sara, während sie bereits nach der Tasche griff.

„Seit gestern Nachmittag hat er Hitze. In der Nacht hat er geredet, als stünde er auf dem Dach und fiele nicht. Heute Morgen dachte ich, es wird besser, dann wurde der Atem kürzer. Der Nachbar sagte, wir sollen warten, bis die Sterne da sind. Ich habe nicht gewartet.“

Im Zimmer roch es nach Wachs und warmem Leinen. Der Junge lag aufgestützt auf Decken, die Augen halb geschlossen, die Lippen trocken. Seine Haut glühte, aber Hände und Füße waren kalt. Neben dem Bett stand ein älterer Mann mit einem abgegriffenen Lehrbuch in der Hand, ein Gelehrter, der für gewöhnlich lieber über die Reinheit der Gefäße als über die Hitze der Körper stritt.

„Du weißt, was heute für ein Tag ist“, sagte er zu Sara, mehr Feststellung als Tadel.

„Und du siehst, wie der Junge atmet“, erwiderte sie. „Frag mich nach Stunden und Tagen, wenn er wieder zählen kann.“

Sie legte die Finger an seinen Puls. Schnell, hart, ohne Ruhepausen, wie ein Hammer, der den eigenen Amboss zerschlagen will. In ihrem Kopf liefen die Fieberregeln ab, die sie aus deutschen und lateinischen Texten kannte: gleichmäßige Hitze mit ruhigem Puls – gute Zeichen; springende Hitze mit fliehendem Puls – gefährlich. Sie dachte an die „kritischen Tage“, von denen die Meister schrieben, an den vierten, siebten, elften Tag, an denen das Fieber entweder brach oder den Leib weiter hinaufstieg.

„Er ist noch im ersten Lauf“, murmelte sie mehr zu sich als zu den anderen. „Wenn wir jetzt falsch eingreifen, treiben wir das Fieber tiefer.“

„Kein Aderlass?“ fragte der Vater hastig.

„Kein Blut heute“, sagte sie. „Nicht bei einem Kind, nicht mit dieser Hitze. Wir kühlen, wir lüften, wir geben ihm einen Schluck, der den Hals benetzt und den Geist nicht verwirrt.“

Sie wies eines der älteren Mädchen an, die Fensterläden einen Spalt zu öffnen, gerade so weit, dass frische Luft hereinkam, ohne den Jungen auszukühlen. Dann bat sie um Wasser.

„Kein Feuer machen“, murmelte jemand in der Ecke.

Der Gelehrte hob den Kopf. „Wer ein Leben rettet“, sagte er leise, „tritt über viele Gebote, um sie zu hüten. Wenn sie heißes Wasser braucht, holt ihr Kohlen vom Nachbarn oder nehmt, was noch glüht. Dies ist nicht der Tag für Spitzfindigkeiten.“

Sara nickte knapp. Sie mischte aus lauwarmem Wasser und einem Rest Essig, den die Mutter für die Küche aufbewahrt hatte, ein dünnes Tuchbad und legte es auf Stirn und Brust des Jungen. Kleine Schlucke verdünnten Weins, mit Wasser gestreckt, benetzten seine trockene Zunge. Sie strich ihm ruhig über den Rücken, mehr, um den Atem zu zählen, als um ihn zu trösten.

Die Stunden dehnten sich. Draußen verging die Sabbatlesung, die Männer kehrten aus der Synagoge zurück, leiser als sonst. Im Zimmer wurde nur das Nötigste gesprochen. Der Vater saß am Bett, die Hände gefaltet, ohne Worte. Der Gelehrte stand an der Wand und blätterte gelegentlich in seinem Buch, ohne sichtbar zu lesen.

Gegen Nachmittag wurde der Puls langsamer, nicht mehr so hart. Der Junge schlief, aber sein Atem ging gleichmäßiger, tiefer. Der Schweiß auf seiner Stirn war nicht mehr fiebrig heiß, sondern kühl, als habe der Körper etwas abgegeben.

„Heute Nacht bleibt ihr zu zweit bei ihm“, sagte Sara. „Wenn der Atem wieder kurz wird oder er zu kalt wird, schickt ihr noch einmal nach mir. Wenn er morgen früh selbst nach Wasser verlangt, danken wir alle gemeinsam.“

Der Vater sah sie an, als wolle er sich einprägen, wie sie in diesem Moment dort stand, mit zerdrückten Falten am Ärmel und einem Wasserfleck auf dem Rock.

„Wir haben heute mehr getan als du“, sagte der Gelehrte, als sie hinausging. „Wir haben nur gebetet. Du hast gehandelt.“

„Ich habe getan, was meine Hände können“, entgegnete sie. „Du hast getan, was dein Mund und dein Herz können. Keines davon hebt den Sabbat auf; beide erinnern ihn daran, wozu er gut ist.“

Als sie wieder in ihrer eigenen Stube stand, legte sie die Tasche zurück in die Ecke. Der Sabbat war noch nicht vorüber, aber er hatte seinen ruhigsten Teil verloren. Sie dachte an die Bulle aus Rom, die ihr das Heilen unter Christen verbieten wollte, und an die Stimmen im Hof, die ihr an stilleren Tagen zuflüsterten, sie solle sich am Sabbat ganz aus fremden Dingen heraushalten. Am Ende hatten weder Bischof noch Gelehrte das letzte Wort gehabt, sondern ein Junge mit heißer Stirn.

 

Kapitel 8 – Wunden und Zeichen

Die Jahre vergingen, und Saras Leben änderte sich weniger, als die Ereignisse um sie her vermuten ließen. Das Pergament mit dem Siegel Johanns von Brunn vergilbte an den Rändern, wurde erneuert, noch einmal besiegelt, dann wieder nur zähneknirschend geduldet. Die Pest kam und ging, Kriegszüge zogen an Würzburg vorbei, manchmal wie ferne Gewitter, manchmal wie ein Sturm, der die Fensterläden aus den Angeln riss.

Eines Abends, als der Sommer schon wieder zu kippen begann, hörte sie Schreie, bevor jemand an ihre Tür hämmerte. Es war kein vereinzelter Ruf, keine hastige Bitte, sondern ein dumpfes, sich überlagerndes Brausen, wie es entsteht, wenn zu viele Menschen gleichzeitig Angst haben.

„Sie sind im Judenhof“, keuchte der Junge, der schließlich vor ihr stand. „Sie suchen nach Geld, nach Pfändern, nach allem. Einer liegt schon.“

Sara griff nach der Tasche, die seit Jahren gepackt bereitstand: Verbände, Salben, ein kleiner Haken, Nadeln, Fäden, ein Töpfchen mit einer Harzsalbe, die sie für frische Wunden benutzte. Draußen war der Hof ein Durcheinander aus Schritten, Rufen, dem Krachen von Holz. Ein Wagen war umgestürzt, jemand weinte laut, ein anderer lachte zu laut.

Der Verletzte lag neben der Mauer, halb im Schatten, halb im Schein einer Fackel. Blut tränkte sein Hemd an der Schulter, und an der Schläfe glänzte eine schmierige Spur, wo ein Stein ihn gestreift hatte.

„Zurück“, sagte sie, schärfer, als sie wollte. „Ich kann nichts sehen, wenn ihr mir die Luft nehmt.“

Ein Teil der Menge wich zurück, ein anderer blieb, zog aber die Köpfe ein, als habe sie mit den Worten auch einen unsichtbaren Schlag ausgeteilt. Der Mann stöhnte, als sie das Hemd vorsichtig zur Seite schob. Die Wunde an der Schulter war tief, aber sauber, ein gerader Schnitt, wie von einer gut gezogenen Klinge. An der Schläfe hatte die Haut nur einen langen Riss, mehr Schreck als Schaden.

Sie dachte nicht in Jahren, sondern in Mustern. Kopfverletzungen zuerst: prüfen, ob der Blick klar war, ob der Atem gleichmäßig ging, ob kein Blut aus Ohren oder Nase sickerte. Ein alter Lehrsatz – einer jener Sätze, die man den Schülern der großen Meister in Salerno und Montpellier zuschrieb – hatte sich in den deutschen Texten festgesetzt, die sie kannte: Hüte dich vor den Wunden am Kopf, denn sie zeigen dir erst spät, was sie wirklich im Sinn haben.

Dann die Schulter. Reinigen, stillen, schließen, verbinden. Einfache Worte für Dinge, die selten einfach waren. Sie spülte die Wunde mit lauwarmem Wein aus, legte feine, mit einer Mischung aus Harz und Wachs bestrichene Lappen ein, um das Blut zu zügeln, und nähte die Ränder mit raschen, gleichmäßigen Stichen zusammen.

Während ihre Hände arbeiteten, zählte ihr Kopf stumm die Regeln auf, die sie sich über die Jahre zurechtgelegt hatte: lass nicht alles laufen, was laufen will, aber halte auch nicht fest, was hinaus muss; für jedes Messer braucht es eine Salbe; für jede Salbe eine Zeit des Stillhaltens.

„Wer hat das getan?“ fragte sie, ohne aufzusehen.

„Leute des Bischofs“, murmelte jemand. „Oder des Rates. Oder beider. Sie sagten, die Abgaben seien zu lange nicht gezahlt worden.“

Ein leises Gelächter, bitter, nicht fröhlich, ging durch die Menge. Abgaben, Schulden, Pfänder – die Worte hatten sich in den letzten Jahren wie Dornen um jedes Gespräch gelegt. Man sprach von sechzigtausend Gulden, die der Bischof den Juden abgenommen habe, von Häusern, die den Besitzer gewechselt hatten, ohne dass ein Kaufbrief je geschrieben worden war.

Sara band den Verband fest, aber nicht zu fest. Der Mann zuckte, atmete dann ruhiger.

„Du lebst noch“, sagte sie. „Das ist mehr, als ich von manchem sagen kann, der heute hier mit vollem Beutel gekommen ist.“

Jemand lachte heiser. „Sag das dem Bischof.“

„Der Bischof hat seine eigenen Wundärzte“, entgegnete sie. „Ich nähe, was vor mir liegt.“

Später, als der Hof sich langsam leerte und nur noch das Scharren der Besen zu hören war, stand sie einen Moment an der Mauer und legte die Stirn an den kühlen Stein. Sie dachte an den Tag, an dem Eberhardt von Wiesenthau sie in den Hof des Domkapitels geführt hatte, an die wohlgesetzten Worte des Kanzlers, an den Ritter von Riedern, der seine Schulden nicht bezahlen wollte und doch am Ende mehr fürchten musste als den Verlust seiner Güter.

Das Wissen des alten „arzet in Wirzeburc“ – so nannte man den unbekannten Meister in manchen Abschriften – hatte die Zeiten besser überstanden als viele Häuser in der Judengasse. Seine Regeln zum Aderlass, zur Harnschau, zu Wunden und Brüchen waren in Köpfen, Heften und losen Blättern weitergewandert. Ihre eigene Spur war brüchiger. Kein Mensch schrieb in diesen Tagen Regesten über jüdische Ärztinnen; man schrieb Rechnungen, Pfandbriefe und Drohschreiben.

Sie hob die Tasche wieder auf. Aus einem der Töpfchen war ein dünner Harzgeruch entwichen, süß und leicht beißend. Es war der Geruch der Arbeit, die blieb, wenn alle Pergamente verbrannt waren. Wenn eines Tages jemand in einem Archiv blättern und ihren Namen in einer Zeile finden sollte, würde er vielleicht wissen wollen, was sie mit all dem Wissen getan hatte, das zwischen deutschen Büchern, lateinischen Sentenzen und jüdischen Gebeten hin und her gewandert war.

Diese Frage konnte sie nicht beantworten. Sie konnte nur weiter nähen, verbinden, lauschen – auf Pulse, auf Harn, auf die unruhige Atemlosigkeit einer Stadt, die ihre Schulden mit Blut bezahlte.

 

Nachwort: Historischer Kontext der Erzählung »Sara von Würzburg und Ortolfs Arzneibuch«

Dieses Nachwort skizziert die historischen Konstellationen, auf denen die Erzählung über die jüdische Ärztin Sara in Würzburg um 1419 beruht. Es unterscheidet zwischen gesicherten Quellen, plausiblen Rekonstruktionen und bewusstem Fiktionsanteil.

 

1. Sara von Würzburg: Quellenlage und Deutungen

Die historische Sara ist ausschließlich über zwei Urkunden aus dem Jahr 1419 greifbar. Am 2. Mai 1419 erhält sie von Bischof Johann II. von Brunn die Erlaubnis, im Hochstift Würzburg für drei Jahre ärztlich tätig zu sein, gegen eine jährliche Abgabe von zehn Gulden und den sogenannten goldenen Opferpfennig von zwei weiteren Gulden. Nur zwanzig Tage später, am 22. Mai 1419, wird ihr in einem Immissionsbrief der Besitz des Ritters Friedrich von Riedern in Lauda zugesprochen; im Verfahren vertritt sie der Domherr und Landrichter Eberhardt von Wiesenthau, und eine große Zahl anwesender Adliger muss die Urkunde mitbesiegeln.

Diese beiden Regesten sind der harte Kern der Überlieferung. Die ältere Forschung – etwa Ludwig Heffner – hat daraus die Vorstellung einer „sehr reichen Praxis“ Saras abgeleitet, die ihr den Erwerb der Riedern’schen Güter ermöglicht habe. Die neuere Deutung, wie sie etwa Werner Dettelbacher vertritt, liest den Vorgang nüchterner als Zwangsvollstreckung in ein verpfändetes Rittergut, bei der Sara als Gläubigerin zum Zug kommt. Die Erzählung folgt im Hintergrund dieser jüngeren Lesart: Der „olle Ritter“ Riedern ist weniger romantischer Gegenspieler als exemplarischer Schuldner in einem angespannten Finanz- und Machtgefüge.

Gesichert ist außerdem der rechtliche Rahmen: Johann II. von Brunn bewegt sich mit Saras Privileg am Rand oder bereits jenseits der auf dem Konzil von Konstanz (1415) formulierten kirchenrechtlichen Vorbehalte gegen jüdische Ärzte. Gleichzeitig herrscht im spätmittelalterlichen Reich ein chronischer Ärztemangel, verschärft durch Pestzüge, Kriege und strukturelle Bildungsschranken. Der Text nimmt diese Spannung ernst: Saras Zulassung ist einerseits Ausdruck pragmatischer Versorgungspolitik, andererseits Instrument fiskalischer Ausbeutung, weil sie ihre Erlaubnis gewissermaßen „erkauft“.

Nicht belegt sind dagegen alle biographischen Details, die die Erzählung Saras inneres und äußeres Leben ausschmücken: ihre Ausbildung, ihr Alter, ihre Wohnverhältnisse, ihr Verhältnis zu Familie, Gemeinde und christlichen Kollegen. Hier arbeitet der Text mit plausiblen, aber fiktiven Ausgestaltungen, die an andere aschkenasische Beispiele anknüpfen (etwa jüdische Ärzte und Ärztinnen in Frankfurt).

Vollständig im Bereich der Fiktion liegt insbesondere die im Text suggerierte unmittelbare medizinische Begegnung zwischen Sara und Friedrich von Riedern. Die Quellen nennen weder eine Behandlung durch sie (oder durch seine Frau) noch einen konkreten Krankheitsfall, der mit der späteren Immission verknüpft wäre. Ebenso wenig ist die genaue Gestalt des Schuldverhältnisses greifbar, das hinter Saras Einweisung in die Riedern’schen Güter steht. Neben offenen Honorarforderungen oder übernommenen Schuldtiteln käme grundsätzlich auch eine klassische Geldleihe in Betracht, wie sie etwa aus den Frankfurter Quellen für jüdische Gläubigerinnen und Gläubiger gut dokumentiert ist und dort immer wieder zu Gerichtsverfahren, Pfandverwertungen und nicht zuletzt zur antijüdischen Vertreibungspolitik beiträgt. Für Würzburg 1419 bleibt diese genaue Konstellation jedoch offen. Die Erzählung entscheidet sich deshalb für eine bewusst unscharfe Zeichnung des Schuldverhältnisses und dramatisiert vor allem die symbolische Verschränkung von Krankheit, Kredit und Herrschaftsrechten.

 

2. Seligmann von Mergentheim und die Kontinuität jüdischer Medizin in Franken

Sara steht nicht isoliert; sie erscheint vor dem Hintergrund einer längeren Tradition jüdischer Ärzte im Raum des Hochstifts Würzburg. Besonders wichtig ist der jüdische Arzt Seligmann aus Mergentheim, dem Johann I. von Egloffstein 1407 die Ausübung der ärztlichen Tätigkeit im Herrschaftsbereich erlaubt und der mutmaßlich auch am Hof des Bischofs praktiziert.

Die Erzählung greift Seligmann vor allem als Gerüchtekern auf: In den Dialogen wird gemunkelt, der Bischof habe sich bereits von ihm behandeln lassen und Sara sei seine Schülerin. Historisch ist eine direkte Lehrer-Schülerin-Beziehung nicht belegt. Die Fiktion nutzt das Motiv jedoch, um den Eindruck zu vermitteln, dass Saras Auftreten nicht der erste, sondern ein weiterer Schritt in einer Abfolge jüdischer medizinischer Expertise ist, die Bischöfe in Krisenzeiten – trotz theologischer Vorbehalte – immer wieder in Anspruch nehmen.

 

3. Jüdische Ärzte und Ärztinnen im lateinischen Westen

Im deutschsprachigen Raum des späten Mittelalters treten jüdische Ärzte in den Quellen regelmäßig auf, meist im Spannungsfeld von städtischer Politik, Territorialherrschaft und Reichsgewalt. Für Aschkenas haben sozialgeschichtliche Arbeiten gezeigt, dass jüdische Mediziner in humoraltheoretisch geschulter, „schulmedizinischer“ Tradition stehen; sie waren ausgebildet, latein- und oft auch volkssprachlich kompetent und fungierten nicht selten als Mittler zwischen arabisch‑jüdischer und lateinischer Medizin.

Besonders instruktiv sind Beispiele aus Frankfurt am Main. Dort lassen sich für das 14. und frühe 15. Jahrhundert mehrere jüdische Ärzte und Ärztinnen nachweisen, teils als Stadtärzte in Pestzeiten, teils als spezialisierte Augenärzte und -ärztinnen. In den Quellen werden ein städtischer Arzt mit ärztlich tätiger Tochter (Johann Wolff von Luzern) sowie später jüdische Ärzte und zwei jüdische Augenärztinnen (Serlin/Zerlin und Gnenlin) greifbar, deren Tätigkeit in Visitationsprotokollen, Bedebüchern und Judenordnungen erwähnt wird. Die Erzählung spielt auf diese Konstellationen in einer Randbemerkung im Domkapitel an ("In Frankfurt haben sie in der Pest ihren Stadtarzt und dessen Tochter an die Verwundeten gelassen – und später sogar Juden als Ärzte geduldet"), ohne sie im Detail auszuführen. Damit signalisiert der Text, dass Saras Position weder singuläre Kuriosität noch moderne Projektion ist, sondern in eine breitere, heute besser dokumentierte Tradition jüdischer Heilpraxis eingebettet ist.

Dass die ältere Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus den frankfurter Quellen eher zögerlich oder verzerrt die Figur von Ärztinnen herauslas, ist Teil einer zweiten, historiographischen Geschichte: Den vormodernen Quellen war manches offenbar leichter vorstellbar als den bürgerlichen Historikern, die sie edierten.

 

4. Ortolf von Baierland und sein Arzneibuch

Ortolfs „Arzneibuch“ ist eines der wichtigsten und bestüberlieferten medizinischen Fachbücher in mittelhochdeutscher Sprache. Der Autor bezeichnet sich in den Prologen als „arzet in Wirzeburc“; Entstehungszeit ist um 1280. Zu Saras Lebenszeit, gut ein Jahrhundert später, war Ortolf längst tot; eine persönliche Begegnung ist ausgeschlossen, es geht ausschließlich um die Nachwirkung seines Werkes in der regionalen medizinischen Praxis. Das Arzneibuch umfasst in der überlieferten Fassung 167 Kapitel und will die „ganze“ Medizin der Zeit von den theoretischen Grundlagen über Diätetik, Uroskopie, Pulslehre, Prognostik und Aderlass bis zur systematischen Krankheitslehre und Wundchirurgie in deutscher Sprache zusammenfassen.

Die Erzählung nutzt strukturelle und inhaltliche Elemente dieses Werkes als stillen Bezugsrahmen: Saras Blick auf Harnfarbe, Sediment und Konsistenz, ihre Art, Pulsqualitäten zu deuten und Aderlassregeln zu formulieren, ist an Ortolfs didaktische Anlage angelehnt, ohne einzelne Kapitel wörtlich nachzubilden. Dass sie den Namen „Ortolf“ nicht ausdrücklich nennt, ist historisch plausibel: Für die Akteure der Zeit ist der „Meister aus Würzburg“ eher eine Autorität, die in der Zitationspraxis mit anderen verschmilzt, als ein klar erkennbarer „Autor nach Titelblatt“.

Gesichert ist, dass Ortolfs Arzneibuch im süddeutschen und ostfränkischen Raum außerordentlich stark verbreitet war, in zahlreichen Handschriften und späteren Drucken zirkulierte und gerade für Wundärzte und praktisch orientierte Mediziner eine zentrale Referenz darstellte. Ob Sara selbst eine Ortolf-Handschrift gesehen hat, ist nicht zu entscheiden; erzählerisch wird sie in ein Umfeld gesetzt, in dem Ortolf-Wissen zirkuliert, unabhängig von der Frage, ob sie aus Handschriften, Kompendien oder mündlicher Lehre schöpft.

 

5. Trotula: Salernitanische Frauenheilkunde im Hintergrund

Unter „Trotula“ versteht die heutige Forschung kein einzelnes Werk, sondern ein Ensemble aus drei mittelalterlichen gynäkologischen Texten aus dem Umfeld der Schule von Salerno (De passionibus mulierum ante et post partum, De curis mulierum, De ornatu mulierum), die in der lateinischen und volkssprachigen Überlieferung als Einheit oder in Teilen zirkulieren. Die Existenz einer historischen salernitanischen Ärztin und Autorin Trota gilt seit den Arbeiten von Benton und vor allem Green weithin als gesichert; im Kern lässt sich einer der drei Texte (die eigentliche Frauenheilkunde) relativ klar mit ihrer Person verbinden, während für die beiden anderen Teile eher anonyme männliche Autoren angenommen werden. In der Vormoderne selbst wurden Text und vermeintliche Autorinnenfigur selten sauber auseinandergehalten.

Die Erzählung reflektiert diese Schichtung indirekt: Ein Domherr zeigt Sara im Domkapitel ein lateinisches „Weiberbuch aus Salerno“, das manche „Trotula“ nennen und dessen Autorität gerade in der Männerwelt der Studenten kursiert. Sara erkennt darin vertraute humoraltheoretische Muster, ohne den Text vollständig durchdringen zu können. Historisch ist es gut vorstellbar, dass salernitanische Gynäkologie in irgendeiner Form in den Bibliotheken eines Domkapitels vertreten ist; die konkrete Szene bleibt Fiktion, steht aber stellvertretend für die Präsenz solcher Texte im gelehrten Milieu.

Für Ortolfs Frauenheilkunde haben philologische Studien starke Parallelen zur Trotula-Tradition herausgearbeitet. Ortolfs einschlägige Kapitel (zu ausbleibender und übermäßiger Menstruation, Uterusleiden, Schwangerschaft und Geburt) arbeiten mit denselben Krankheitsrubriken und einem sehr ähnlichen Mittelkanon wie die salernitanischen Texte. Die Erzählung nutzt diese Nähe, indem sie bei Sara salernitanische und ortolfische Motive verschränkt, ohne zwischen „Quelle“ und „Bearbeitung“ zu unterscheiden – so, wie es der Praxisnähe der Akteure eher entspricht.

 

6. Der Jude von Salms: ein späterer Parallelfall

Hesse, der Jude von Salins oder Salms, ist ein jüdischer Arzt des frühen 15. Jahrhunderts, der für Graf Johann von Sponheim ein umfangreiches deutschsprachiges medizinisches Kompendium verfasste. Dieses Werk entstand in den 1420er Jahren, also nur wenig später als Saras fiktive Lebenszeit, allerdings in einem anderen Raum (Moselregion).

Das Kompendium zeigt exemplarisch, wie jüdische Ärzte die spätmittelalterliche Hochschulmedizin auf Deutsch verarbeiteten. In der erhaltenen Handschriftengliederung bildet ein großer Block aus bearbeiteten Auszügen aus Ortolfs Arzneibuch den Auftakt. Es folgen Übersetzungen und Exzerpte aus lateinischen Autoritäten (unter anderem aus Avicenna und Johannes Jacobi von Montpellier) sowie eine vollständige deutsche Fassung der salernitanischen Drogenlehre Circa instans. Hesse verbindet damit explizit Ortolf-Tradition, salernitanische Drogenkunde und hochschulmedizinische Theorietexte zu einem enzyklopädischen Ganzen.

Für die Erzählung ist Hesse kein direkter Bezugspunkt; Sara kann sein Werk zeitlich und räumlich noch nicht kennen. Im Hintergrund fungiert er jedoch als Beleg dafür, dass es im deutschsprachigen Raum tatsächlich jüdische Ärzte gab, die genau jene Kombination aus Ortolf und salernitanischer Tradition schriftlich fixierten, die der Text bei Sara als mündlich-praktische Synthese andeutet.

 

7. Hebammenbücher und Frauenrezepte: »verborgene Heilkünste«

Die Szene mit der Hebamme, die ihr „Büchlein“ mit Rezepten, Notizen und frommen Formeln zeigt, ist inspiriert von spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Frauenrezepten, wie sie Britta-Juliane Kruse und andere aus Handschriften des deutschsprachigen Raums ediert und interpretiert haben. Diese Rezepthefte, oft anonym und ohne eindeutig identifizierbare Autorinnen, bewegen sich im Grenzbereich zwischen gelehrter Medizin, Alltagspraxis und Frömmigkeit.

Typisch für solche Texte sind Vorreden, die das Wissen als etwas Beschütztes markieren: nicht für „Toren“, sondern für vernünftige, gewissenhafte Leserinnen und Leser; nicht zur Belustigung, sondern zur ernsthaften Hilfe für Frauen in „heimlichen Nöten“. Ebenso charakteristisch sind Randbemerkungen, in denen einzelne Rezepte besonders hervorgehoben werden, bis hin zu Formulierungen, wonach eine bestimmte Arznei „goldes wert“ sei. Die Erzählung übernimmt solche Motive, ohne konkrete Handschriften nachzubilden, und stellt sie der salernitanischen und ortolfischen Tradition als gleichberechtigte – wenn auch anders kodierte – Wissensform an die Seite.

Indem Sara das Hebammenheft ernst nimmt, wird sichtbar, dass „hohe“ und „niedere“ Medizin im Alltag weniger scharf getrennt waren, als es die spätere Professionalisierung vermuten lässt. Für die historische Sara sind solche Frauenrezepte nicht belegt; für die soziale Wirklichkeit der damaligen Judengasse und ihrer christlichen Umgebung sind sie jedoch gut vorstellbar.

 

8. Würzburg und Frankfurt: Bühne und Vergleich

Die Erzählung spielt konsequent in Würzburg, weil hier die Kombination aus Ortolf (als dort tätigem Arzt des 13. Jahrhunderts), einer gut erforschten jüdischen Gemeinde und der quellenmäßig gesicherten Figur Sara besonders eng zusammenläuft. Die Judengemeinde Würzburgs ist seit dem 12. Jahrhundert epigraphisch und urkundlich außergewöhnlich reich dokumentiert; die mehrfachen Verfolgungen, Plünderungen und Vertreibungen des 13. und 14. Jahrhunderts bilden den historischen Hintergrund, vor dem Saras Privileg 1419 wie eine prekäre Atempause erscheint.

Frankfurt dient der Erzählung hingegen vor allem als Vergleichsfolie. Dort sind für das 14. und frühe 15. Jahrhundert jüdische Stadtärzte, jüdische Augenärztinnen und ärztlich praktizierende Frauen in städtischem Dienst deutlich belegt. Der kurze Hinweis eines Kapitelherrn auf Frankfurt im Rahmen von Saras Privilegverhandlung ist eine literarische Verdichtung dieser Forschungsergebnisse: Er macht sichtbar, dass die Entscheidung eines Bischofs für oder gegen eine jüdische Ärztin nicht im luftleeren Raum fällt, sondern in einem größeren Netz von Beispielen aus anderen Reichsstädten und Territorien verankert ist.

 

9. Fiktion und historische Plausibilität

Die Erzählung beansprucht nicht, eine „Biographie“ Saras im streng historischen Sinn zu liefern. Sie will vielmehr zeigen, wie eine jüdische Ärztin im frühen 15. Jahrhundert im Schnittfeld verschiedener Wissenswelten agiert haben könnte: der lateinischen Hochschulmedizin, der salernitanischen Frauenheilkunde, der deutschen Artzbücher vom Schlage Ortolfs und der verborgenen Rezepttraditionen von Hebammen und Laien.

Die innere Plausibilität gründet sich auf mehreren Achsen. Erstens ist die Existenz jüdischer Ärzte und Ärztinnen im Reich gut belegt, auch in städtischen und herrscherlichen Diensten. Zweitens zeigt gerade das Beispiel des Juden von Salms, dass jüdische Ärzte im deutschsprachigen Raum in der Lage waren, lateinische und arabische Autoritäten mit der Ortolf‑Tradition in einer deutschen Fachprosa zu verschmelzen. Drittens machen die Arbeiten zur Frauengesundheit im Spätmittelalter deutlich, dass Frauen – als Patientinnen, Hebammen und gelegentlich als schreibende oder diktierende Akteurinnen – ein dichteres Netz von Heilpraktiken bildeten, als es die männlich dominierten Lehrbücher vermuten lassen.

Wo der Text konkreter wird – in Dialogen, Fallgeschichten, Bildern des Judenhofs –, überschreitet er bewusst den Bereich des streng Belegbaren. Entscheidend ist, dass diese Überschreitungen kenntlich bleiben: als literarische Versuche, Leerstellen einer fragmentarischen Überlieferung zu füllen, nicht als stillschweigende Gleichsetzung von Text und Quelle. Die gewählte Erzählform mit überschaubaren Fallvignetten und knappen Kapiteltiteln ist kein Zufall. Sie lehnt sich bewusst an Charlotte Führers "The Mysteries of Montreal" (1881) an: Auch dort erzählt eine Frau als professionelle Heilerin in einer Reihe von Einzelfällen, in denen es um Krankheit, Armut, Gewalt und das Überschreiten sozialer Grenzen geht – etwa in Geschichten von verwundeten Männern, gefährdeten Frauen, misslungenen oder verweigerten Behandlungen und sozialen Abstürzen. Die Sara-Erzählung übernimmt dieses einfache erzählerische Muster und verschiebt es in das Würzburg des frühen 15. Jahrhunderts auf eine jüdische Ärztin in einem von Ortolfs Arzneibuch geprägten Würzburger Medizinmilieu. Anders als bei Führer bleibt die Perspektive jedoch in der dritten Person und eng an die bekannte Quellenlage gebunden.

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