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Ein sogenanntes Heilfasten nach Hildegard von Bingen wird vielerorts angeboten*, doch spielt das Fasten in den beiden natur- und heilkundlichen Schriften der Äbtissin eigentlich überhaupt keine Rolle.
 
In ihren "Causae et Curae" warnt Hildegard ausdrücklich vor übermäßigem Fasten:
"Wenn manche Menschen übermäßig enthaltsam beim Essen sind, so dass sie ihrem Körper nicht die richtige und passende Belebung durch Speisen zukommen lassen, und wenn die einen noch dazu schwankend und leichtsinnig in ihrem Wesen sind und die anderen mit vielen und schweren Erkrankungen zu tun haben, dann geschieht es manchmal, dass sich gleichsam Stürme in ihren Körpern erheben, weil sich die Elemente in ihnen gegeneinander wenden." (Kap. 324)
 
Folgend warnt Hildegard sogar vor drei Arten Geschwulsten, die durch das übermäßige Fasten entstehen könnten.
 
An anderer Stelle warnt sie:
„Aber der Mensch soll sich auch nicht in übertriebenem Maß das Trinken entziehen, denn wenn er sich im Verzicht auf das Trinken ausdörrt, befällt ihn dadurch eine geistige und körperliche Belastung." (Kap. 257)
 
In einem Brief an eine Laienschwester namens Jutta schreibt Hildegard etwa zur Entstehungszeit der "Causae et Curae":
„Trockener Sand ist zu nichts nütze. Und die Erde gibt keine Frucht, wenn sie durch den Pflug zu stark zerbröckelt wird. Aus dürrem Felsboden sprießen nur Dornen und lauter unnützes Kraut. Genau so richtet unvernünftige Enthaltsamkeit das Fleisch des Menschen zugrunde, weil ihm nicht die Grünkraft einer rechten Ernährung vergönnt wird. Davon dörrt der Mensch aus. Zu strenge Enthaltsamkeit entzieht auch dem Tugendleben die Grünkraft: Nur ein windiger, nichtsnutziger Ruf wächst auf, als seien solche Leute heilig und sind es doch gar nicht." (Brief 234, ca. 1153/54)**
 
Ursächlich für die Haltung Hildegards mag eine ganz andere Jutta gewesen sein, nämlich ihre Lehrerin Jutta von Sponheim (1092-1136). Hildegard schrieb über sie:
„Dieser Frau hat Gott seine Gnade gleichsam wie einen aus vielen Wassern gespeisten Bach eingegossen, so dass sie ihrem Körper in Wachen, Fasten und weiteren guten Werken keine Ruhe ließ, bis sie ihr irdisches Leben mit einem guten Ende abschloss.“ (Vita, II 2, 69-70)
 
Das ist eine auffällig knappe und unpersönliche Beschreibung ihrer langjährigen Weggefährtin und Lehrmeisterin. Hildegard lehnte das asketische Leben Juttas mit strengem Fasten, radikaler Fleischabstinenz, Nachtwachen, Ertragen von Kälte, bewusster Zufügung körperlicher Qualen sowie Schweigen und Beten über das normale monastische Maß hinaus entschieden ab. So schreibt sie, dass durch immoderate Abstinenz die Seele unbrauchbar werde und sich der Teufel in Fasten, das Gebet und die Abstinenz einniste (vgl. Vita, III 26). An anderer Stelle erwähnt sie Fasten und körperliche Züchtigung in Zusammenhang mit der Heilung einer Besessenen (Vita, III 21, 22).
 
Das heißt aber nicht, dass Hildegard das Fasten gänzlich ablehnte. So empfiehlt sie in ihrem "Liber vitae meritorum" den Vergnügungssüchtigen:
Wer auf dieser Welt solchem Laster anhängt, dann aber die Einflüsterung dieser diabolischen Kunst ablegen möchte und das Entsetzen vor den Strafen dieses Lasters empfinden will, der soll sein Fleisch, je nach der Art und dem Grad seiner Verfehlung, durch Fasten züchtigen und außerdem kostbare Getränke meiden, gemäß dem gerechten Richterspruch seiner Richter." (I 103)
 
Ähnlich verfährt sie auch bei Hartherzigen (I 108), Feiglingen (I 112), Suizidalen (I 124), Zornigen (I 125), bei Ausschweifung (I 141) und verschiedenen Formen von Mord (I 127ff.), was auch die Abtreibung einschließt (I 132).
 
Im zweiten Buch schreibt sie über eine Vision:
Wenn nämlich der Mensch maßvoll seinen Leib pflegt, dann spiele ich in Fürbitte für ihn im Himmel auf der Zither; und solange sein Leib in Maßen durch die Nahrung erquickt wird, singe ich zur Harfe.
Du aber, du Schlemmer, du weißt und kennst von alldem nichts und versuchst es nicht einmal zu sehen und zu begreifen. Denn einmal stürzest du dich in unangemessenes Fasten, so daß du kaum noch leben kannst, und dann stopfst du wieder in deiner Gefräßigkeit den Bauch so voll, daß du dabei zum Überkochen kommst und üblen Schleim erbrechen mußt." (II 5)
 
Auch hier empfiehlt sie das Fasten bei verschiedenen Vergehen wie Engherzigkeit (II 73), Gottlosigkeit (II 77), Lügen (II 82) oder Streit (II 86) und knöpft sich im dritten Buch u. a. die Ruhmsüchtigen (III 69), Ungehorsamen (III 73), Ungläubigen (III 77), Verzweifelten (III 82), Wollüstigen (III 90) und Ehebrecher vor (III 93). Im vierten Buch sind dann schließlich die Stumpfsinnigen (IV 62) und Habsüchtigen an der Reihe (IV 84), bevor im fünften Buch die Spottsüchtigen (V 56), Zauberer (V 65), Geizigen (V 71) sowie Räuber und Diebe (V 72f.) genannt werden.
 
Allerdings relativiert sie schon im ersten Buch:
Bei jeder Buße aber, die der Richter auferlegt, muß auch die Leistungsfähigkeit und die Schwäche der menschlichen Natur berücksichtigt werden." (I 135)
 
In ihrer "Physica" empfiehlt Hildegard den Diamanten zur Unterstützung des Fastens (IV 17):
Ein Mensch, der nicht fasten kann, soll diesen Stein in den Mund legen, und er vermindert seinen Hunger, so dass er länger wird fasten können."
 
* Alternativ gibt es auch das gemäßigte Dinkelfasten. Es ist hier anzumerken, dass außerhalb des Dinkelkapitels in der "Physica" in den gesamten Schriften Hidegards nicht ein einziges Rezept mit Dinkel überliefert ist. Dieses jedoch dient der Behandlung von Appetitlosigkeit (I 5). Wenn Hildegard ansonsten ein Mehl näher spezifiziert, dann nennt sie ausschließlich Weizen. Die verbreiteten Rezepte mit Dinkel sind Erfindungen des 20. Jahrhunderts.
 
** In der populär-wissenschaftlichen Literatur und auf diversen Internetseiten wird dieses Zitat gerne dem Briefwechsel mit der Äbtissin Tengswich von Andernach zugeordnet. Dort ist es jedoch nicht zu finden.

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