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Walahfrid Strabo († 18. August 849) war Mönch der Reichenau, Dichter, Hagiograph und später Abt seines Klosters. Seine Biographie ist in vielen Punkten nur indirekt zu erschließen, weil der Quellenbestand stark von literarischen Texten, Memorialzeugnissen und handschriftlichen Spuren geprägt ist. Relativ sicher sind die Eckdaten: der frühe Durchbruch mit der Visio Wettini (Ostern 825), weitere Verslegenden und hagiographische Arbeiten, eine zeitweilige Versetzung nach Fulda, der Hofdienst bei Ludwig dem Frommen, Konflikte um die Abtsfrage, die Abtszeit auf der Reichenau ab 842 und schließlich der Tod 849 auf einer Gesandtschaftsreise zu Karl dem Kahlen, bei der er in der Loire ertrank.

 

Die Reichenau 

Das Kloster besteht seit der Gründung durch Pirmin (724) und ist als Ort lateinischer Liturgie von Anfang an in eine „Vatersprache“ eingebunden, die für Messe und Stundenliturgie selbstverständlich ist. Ein breit angelegter Bildungsauftrag wird jedoch erst im Zuge der karolingischen Reformimpulse zur Klosteraufgabe, als Schule und Schriftlichkeit programmatisch gefordert werden.

In dieser Konstellation erscheint Walahfrid als repräsentativer, zugleich sozial nicht selbstverständlich abgesicherter Träger der karolingischen Renaissance. Auffällig ist das Missverhältnis zwischen literarischem Rang und sozialer Ausgangslage. Walahfrid beschreibt sich wiederholt als arm und nicht hochgestellt, während der Konvent zu einem erheblichen Teil hochadlig geprägt ist und der regierende Abt Erlebald als Grafensohn eingeordnet wird.

 

Lehrer Wetti und Visio Wettini

Als Schlüsselereignis gilt der Tod des Reichenauer Klosterlehrers Wetti (November 824). Aus dessen Todesnähe ergibt sich der Auftrag, die erschütternde Jenseitsvision literarisch zu fassen. Die zunächst schlichte Prosaaufzeichnung wird in eine kunstvollere Form überführt, und Walahfrid erhält den Auftrag zur Versfassung. Die Visio Wettini (Ostern 825) wird so zum ersten Erfolg des jungen Mönchs.

Die Vorrede der Visio lässt sich als Selbstentwurf mit scharfen Kanten lesen. Walahfrid formuliert selbstbewusst, in ihm stecke ein „Funke“, zugleich zeigt er offene Anspannung gegenüber Abt Erlebald (823–838) und dem neuen Lehrer Tatto. Das Schmieden der Verse geschehe „heimlich“, der Widmungsadressat Grimalt soll verbessern, weil Fehler Prügel nach sich ziehen könnten, und das Misstrauen gilt weniger einem Perfektionismus der Lehrer als deren grundsätzlicher Abneigung gegen das Dichten eines Mönchs.

Der Beiname Strabo bzw. Strabus wird dabei zum ambivalenten Signum. Er gehört als lateinische Selbstetikettierung zur Mode der Zeit, erhält bei Walahfrid aber einen bitteren Ton, weil er auf ein körperliches Merkmal verweist und von Walahfrid selbst in die Poetik integriert wird.

 

Frühe Hagiographie, Spannungen, Fulda

Auf die Visio folgen um 826 zwei Verslegenden, deren Stoffe weit über die Reichenau hinausführen. In der Vita S. Blathmaic wird das Martyrium auf Iona (Hy) in einem Kontext dänischer Wikingerüberfälle erzählt. Die Passio S. Mammae verlegt den Schauplatz nach Kappadokien und arbeitet mit einem Orpheus-ähnlichen Heiligenbild, Tiervertrautheit und wechselnden Versmaßen, entstanden im Auftrag von Klerikern aus Langres.

Gerade in der Mammas-Passion werdeb jedoch Indizien für anhaltende Konflikte gesehen. Entschuldigende, teils aggressive Passagen über „unsere Lehrer“, das Verschweigen ihrer Wohltaten, die Behauptung, die eigene Mühe habe mehr gefruchtet als die Hilfe des Lehrers, sowie Andeutungen von „Anschlägen“ werden als Hinweise auf fortdauernde Spannungen zwischen dem begabten jungen Mönch und den Autoritäten gelesen, konkret Abt Erlebald und Lehrer Tatto.

In die Phase des Anerkennungskampfes gehört das Gedicht an Sigimar, den späteren Abt von Murbach (urkundlich 829–840). Kurz darauf folgt die biographische Zäsur. Noch 826 oder spätestens 827 wird Walahfrid nach Fulda versetzt, möglicherweise nicht freiwillig. Aus der Ferne richtet er das sapphische Gedicht an die Reichenau (carm. 75), das häufig als sein persönlichstes Wort gilt, mit Armut, Kälte, Tränen und Heimweh nach der „glücklichen Insel“.

 

Fulda, Hrabanus Maurus und die Berufung an den Hof

Die Fuldaer Phase erscheint als Fortsetzung der materiellen Not und als Zwischenstation vor dem Hofdienst. Ein weiteres Gedicht an Hrabanus Maurus thematisiert erneut Armut und die Bitte um Schuhe, da Walahfrid noch immer barfuß gehen müsse.

829 folgt die „erlösende Berufung“ nach Aachen an den Hof Ludwigs des Frommen. Dort entsteht De imagine Tetrici, das Streitgedicht um das Theoderich-Reiterstandbild, das Karl der Große aus Ravenna in die Kaiserpfalz verbringen ließ. Heute liest man die Dichtung weniger wegen der Polemik gegen das arianische Standbild als wegen der Schilderung der Aachener Hofgesellschaft.

Parallel pflegt Walahfrid seine Verbindung zum Bodenseeraum und zu St. Gallen. Hervorzuheben ist die „dritte und definitive“ Vita S. Galli, verfasst für Abt Gozbert, die das Werk Wettis in der Rezeption überflügelt und als verbreitetstes Werk Walahfrids gilt. Daran schließt sich die Vita S. Otmari (834/838) an.

Für die ältere biographische Tradition ist ein weiterer Punkt wichtig, der seit 2000 korrigiert worden ist. Die Vorstellung, Walahfrid sei Lehrer Karls des Kahlen gewesen, ist von Irmgard Fees im selben Jahr zurückgewiesen worden und sollte daher nicht als biographische Tatsache fortgeschrieben werden.

 

Abtsfrage, Speyer, Rückkehr und Gelehrtentätigkeit

838 endet Walahfrids Hofaufenthalt. Zeitlich fällt dies in die Phase, in der Karl der Kahle auf dem Reichstag von Quierzy Schwert und Krone erhält und als politischer Akteur deutlicher hervortritt. Walahfrid wird als Lohn die Abtei Reichenau zugesprochen, kann das Amt aber zunächst nicht antreten. Der Konvent wählt zunächst den Mönch Ruadhelm.

Die Vorgänge lassen sich politisch deuten. Die Reichenau liegt in einem Raum, den Ludwig der Deutsche beansprucht, und Walahfrid erscheint als Intellektueller, der Reichsteilungen eher skeptisch begegnet und auf starke Zentralgewalt unter Lothar hofft. Walahfrid muss in Speyer, das zum Reichsteil Lothars gehört, die Entwicklung abwarten.

Ein Hoffnungszeichen ist der Auftrag des Reichenauer Bibliothekars Reginbert um 841, ein Werk über die Liturgie zu verfassen. Walahfrid schreibt De exordiis et incrementis, das häufig als erste abendländische Liturgiegeschichte bezeichnet wird. Über Grimalt, der nun Kapellan Ludwigs des Deutschen und Abt von St. Gallen (841) ist, gewinnt Walahfrid offenbar wieder politischen Rückhalt. 842 tritt Ruadhelm zurück, Walahfrid wird faktisch Abt der Reichenau.

Über die sieben Abtsjahre ist wenig Konkretes bekannt, doch es gibt Indizien, dass Walahfrid selbst unterrichtete. Er erstellt Ausgaben der Kaiserbiographien Karls (Einhart) und Ludwigs des Frommen (Thegan), ergänzt Einleitungen und erschließt die Texte durch Kapitelverzeichnisse.

 

Tod 849, Epitaphien und Reichenauer Memorialpraxis

Walahfrids Leben endet 849 im Dienst der Karolinger. Auf einer Gesandtschaftsreise zu Karl dem Kahlen ertrinkt er am 18. August in den „bibulis arenis“ der Loire. Die Epitaphien sind Schlüsselzeugnisse. Hrabanus Maurus hebt in seinem Epitaph Walahfrids Lehr- und Verskompetenz hervor. Das Reichenauer Epitaph spricht den Toten direkt an, betont die frühe Todeszeit, den 18. August, die Überführung auf die Insel und den Schmerz des Klosters.

In der Forschung ist wiederholt hervorgehoben worden, dass das Reichenauer Epitaph klassisch gebildete Anklänge aufnimmt und das Motiv der „bibulae harenae“ als prägnante Chiffre für den Todesort ausspielt. Für die Reichenauer Erinnerung ist jedoch vor allem die institutionelle Fixierung entscheidend. Abt Folkwin (849–858) erhebt den Todestag Walahfrids zum Gedenk- und Gebetstag für alle Reichenauer Äbte, als commemoratio abbatum nostrorum. Im Vergleich zu Fulda, wo man den Todestag Sturmis als allgemeinen Gedenktag aller verstorbenen Mönche setzt, markiert die Reichenau damit bewusst nicht den ersten, sondern den bedeutendsten Abt als Erinnerungszentrum.

 

Handschriftliche und epigraphische Spuren

Neben den literarischen Texten lassen sich „Spuren“ Walahfrids am Bodensee auch materiell fassen, durch Handschriften, Listen und epigraphische Zeugnisse.

Ein Strang ist die Frage nach Handschriften, die Walahfrid zugeschrieben oder mit seinem Besitz verbunden wurden. Bernhard Bischoff hatte auf eine heute in St. Gallen liegende Handschrift (Stiftsbibliothek 878) hingewiesen, die als Notiz- und Arbeitsbuch in Walahfrids Umfeld gedeutet wurde, mit Exzerpten zu Grammatik, Komputistik, Geschichte und auch Medizin sowie Notizen zu Vorzeichen und zum Erdbeben des Frühjahrs 849. Die später von Tino Licht vertretene Revision betrifft vor allem die Autorschaft. Das Vademecum gilt demnach nicht als von Walahfrid eigenhändig geschrieben, lässt sich aber weiterhin plausibel als Besitz- und Gebrauchsband in seinem Umfeld fassen.

Ein zweiter Strang ist das Reichenauer Verbrüderungsbuch, heute in Zürich. In der Konventsliste unter Abt Erlebald wird „WALAHFRID. MON“ als einziger Name in Kapitalis hervorgehoben, obwohl der Name in der Liste erst nahe dem Ende steht. Als ältere Deutung wurde erwogen, Walahfrid könne selbst der Schreiber der Liste gewesen sein, hält jedoch fest, dass die Schrift der Liste nicht mit der des St. Galler Notizbuchs übereinstimmt.

Ein dritter Strang ist epigraphisch. In der Silvesterkapelle zu Goldbach bei Überlingen wurden 1904 Reste einer lateinischen Inschrift entdeckt, die als Fragment eines Gedichts Walahfrids (carm. 68) identifiziert wurde. Aus den ergänzbaren Textumständen ergibt sich die Deutung, dass Schrift und Wandmalerei noch zu Walahfrids Lebzeiten angebracht wurden.

 

Der Hortulus als Werk, nicht als biographischer Fixpunkt

Der Hortulus (De cultura hortorum) wird häufig in den Werkzusammenhang der Aachener Hofzeit gestellt und stützt dies unter anderem auf die politische Allegorie der Salbei-Strophe, die den dynastischen Konflikt der 830er Jahre „durch die Blume“ reflektiere. Damit wird der Hortulus in seiner Darstellung zu einem Beispiel dafür, wie monastische Erfahrungswelt, antike Formmodelle und aktuelle Politik in einem Lehrgedicht zusammenkommen.

Für die neuere Diskussion ist vor allem wichtig, dass Ort und genaue Entstehungssituation des Hortulus nicht gesichert sind. In der Forschung werden Aachen, eine Speyerer Zwischenphase und die Reichenau als Optionen erörtert, wobei eine frühe Reichenauer Entstehung und Fulda in der Regel als weniger wahrscheinlich gelten. Entscheidend ist, den Hortulus nicht als biographischen Anker zu überfrachten, sondern als ein Werk unter mehreren zu behandeln, dessen Datierung und Lokalisierung im Rahmen der allgemeinen Karriere- und Konfliktgeschichte Walahfrids diskutiert werden müssen.

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