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Bei der Bewertung der Wirksamkeit von pflanzlichen Arzneimitteln kommt es immer wieder zu interessanten Widersprüchen, wie hier am aktuellen Beispiel der Sägepalme (Serenoa repens) und im weiteren Verlauf auch anhand der Sonnenhüte (Echinacea) gezeigt werden soll.

So schreibt Prof. Gerald Gartlehner von Cochrane Österreich im April 2015 in einem Artikel über schlechte Medizin-Websites im Internet:
"Dass Sägepalmen-Extrakt Beschwerden bei gutartiger Prostatavergrößerung bisherigen Studienergebnissen zufolge garantiert nicht hilft, erwähnen all diese Seiten nicht."
http://derstandard.at/2000013801769/Gesuender-googeln

Als Beleg dafür verweist er auf die von ihm geleitete Plattform "Medizin Transparent"​:
http://www.medizin-transparent.at/prostata-pflanzenpraeparate

Dort heißt es dann auch:
"Helfen Sägepalmen-Präparate bei einer gutartigen Prostatavergrößerung? Antwort: Nein."

Hier wiederum ist als Quelle ein Cochrane-Review von 2012 angeführt:
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD001423.pub3/abstract

Dort heißt es vernichtend:
"Serenoa repens, at double and triple doses, did not improve urinary flow measures or prostate size in men with lower urinary tract symptoms consistent with BPH."

BPH steht für Benigne Prostatahyperplasie, eben die gutartige Vergrößerung der Prostata.

Fall abgeschlossen? Nicht ganz...

Kürzlich veröffentlichte der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) seine Monographie zur Sägepalme. Der Ausschuss bewertet ähnlich wie Cochrane das wissenschaftliche Datenmaterial zu einzelnen Drogen und berücksichtigt ebenso die bisherige Verwendung in der EU. Entsprechend dieser zwei Kategorien gibt es in den Monographien einerseits "well-established use", also wissenschaftliche belegte Anwendungsgebiete und zudem noch "traditional use" aufgrund langjähriger Nutzung in den EU-Staaten.

Für die Früchte der Sägepalme schreibt das HMPC:
"Well-established use (...) for the symptomatic treatment of benign prostatic hyperplasia."
Und:
"Traditional use (...) for the relief of lower urinary tract symptoms related to benign prostatic hyperplasia, after serious conditions have been excluded by a doctor."
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_Herbal_monograph/2016/01/WC500199750.pdf

Schaut man sich den Cochrane-Review von 2012 und den Beurteilungsbericht des HMPC etwas genauer an, so überschneiden sich die analysierten Studien zu einem erheblichen Teil. Besonderes Augenmerk wurde in beiden Übersichtsarbeiten auf Studien von Barry et al. 2011 mit 325 Teilnehmern und Bent et al. 2006 mit 225 Teilnehmern gelegt.

Der endgültige Beurteilungsbericht des HMPC wurde noch nicht veröffentlicht, der Entwurf kann jedoch hier eingesehen werden:
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Herbal_-_HMPC_assessment_report/2014/12/WC500179593.pdf

Wie aber kann man nun zu so widersprüchlichen Ergebnissen kommen?

Ein Problem des Cochrane-Reviews sprach nach der Fassung von 2009 schon Christoph Bachmann in einem Editoral der "Zeitschrift für Phytotherapie" an:
”Wenn man die für das Review verwendeten Studien überprüft, fällt sofort auf, dass neben den 21 Serenoa-repens-Monopräparaten auch 9 Kombinationspräparate berücksichtigt wurden, die neben der Sägepalme einen oder mehrere weitere Wirkstoffe enthalten. Eine solche Vermischung von Mono- und Kombinationspräparaten zur Überprüfung einer Substanz ist aber unzulässig!”

Überschrieben ist das Editoral mit dem harten Urteil:
"Cochrane-Review mit groben Fehlern"
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0029-1239332.pdf

Ein Einzelfall? Leider nein, denn bei den Sonnenhüten sieht es ganz ähnlich aus...

In einem Review von 2014 schreibt Cochrane zu Echinacea-Präparaten:
"Echinacea products have not here been shown to provide benefits for treating colds, although, it is possible there is a weak benefit from some Echinacea products: the results of individual prophylaxis trials consistently show positive (if non-significant) trends, although potential effects are of questionable clinical relevance."
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000530.pub3/abstract

Im Volltext müssen die Autoren auf Seite 3 etwas zerknirscht zugeben:
"Assessment of the effectiveness of Echinacea preparations is complicated by the limited comparability of the available preparations for the following reasons."
Als Gründe nennen sie:
- drei unterschiedliche Echinacea-Arten, die medizinisch genutzt werden (Echinacea purpurea, E. pallida und E. angustifolia)
- unterschiedliche Pflanzenorgane (Kraut, Wurzel, Blüten, Mischungen...)
- unterschiedliche Extrakte bzw. Extraktionsverfahren
- Mono- und Kombipräparate auf dem Markt und sogar homöopathische Bestandteile in einigen Präparaten

Auf Seite 20 heißt es dann:
"While there are some hints that both alcoholic extracts and pressed juices that are based primarily on the aerial parts of E. purpurea have beneficial effects on cold symptoms in adults, the evidence for clinically relevant treatment effects is weak. There are still many remaining doubts due to the fact that not all trials using such preparations show even a trend towards an effect."

Und was sagt nun das HMPC?

Gemäß der unterschiedlichen Drogen bzw. Drogenzubereitungen, die im Europäischen Arzneibuch festgelegt sind, wurden vier eigenständige Monographien erstellt:
- Purpur-Sonnenhut-Kraut (Echinaceae purpureae herba)
- Purpur-Sonnenhut-Wurzel (Echinaceae purpureae radix)
- Blasser-Sonnenhut-Wurzel (Echinaceae pallidae radix)
- Schmalblättriger-Sonnenhut-Wurzel (Echinaceae angustifoliae radix)

Als "medizinisch allgemein anerkannt" (also "well-established use") gilt hier nur die kurzfristige innerliche Anwendung von Purpur-Sonnenhut-Kraut zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungskrankheiten. Also immerhin die gleiche Pflanze und auch das gleiche Organ sowie das gleiche Anwendungsgebiet, für welche auch Cochrane "einige Hinweise" zugestanden hat.

Zusammengefasst ist die Beurteilung des HMPC bei der Koop Phyto:
http://www.koop-phyto.org/arzneipflanzenlexikon/sonnenhut-echinacea.php

Dort heißt es auch:
"Von der Bereitung eines Teeaufgusses ist abzuraten."

Echinacea-Tees sind derzeit ziemlich beliebt und werden stark beworben. Problem: Die Wirkstoffe der Pflanze gehen gar nicht ins Wässrige über, Tees sind also nicht sinnvoll. Der Hinweis von Cochrane auf alkoholische Auszüge sowie Presssäfte ist vollkommen richtig.

Man muss hier also - wie so oft - etwas differenzieren und sollte sich nicht zu Pauschalurteilen verleiten lassen.

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